Das Trio Gaspard zum Zweiten

Vor zwei Jahren hat das Trio Gaspard in Ernen seinen Einstand gegeben und das Publikum in der St. Georg-Kirche auf der Stelle verzückt. Den heftigen Unwettern zum Trotz, spielten sie sich durch Blitz und Donner, die bis in die Kirche hineinwirkten, so, als würde die Natur zu ihrem Spiel gehören. «Feuer und Flamme» war das passende Motto und erzeugte musikalisch ein explosives Feuerwerk. Und nun das Festivalmotto «Im Flow», was eventuell auf eine gemächliche Verbindung zwischen Musik und Publikum hinführen könnte. Dem war nicht so: das Pendel schlug auf die andere Seite aus!

Die 53. Ausgabe des Erner Musikfestivals begann mit dem Trio Gaspard mit Schwung und Freude: unter dem Titel «Wien» hörten wir je ein Klaviertrio des Klassikers Ludwig van Beethoven (Es-Dur) und des Romantikers Johannes Brahms. Dazwischen «Vier Stücke für Klaviertrio» von Fritz Kreisler (1875–1962). Und da war man nah am «Wiener Schmäh», leicht und beschwingt erhellte die Musik unseren Geist, die der freien Interpretation bekannter Melodien verpflichtet ist.

Und dann ging es nach «Paris». Dort entwickelte sich die Kammermusiktradition erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts, massgeblich geprägt von Camille Saint-Saëns (1835–1921). Das Stück mit den fünf Sätzen war eine herausragende Komposition, die das Ensemble in höchster musikalischer Perfektion vortrug. Es war nur einer der Höhepunkte dieses Wochenendes. Man konnte die Fortsetzung des Programms kaum erwarten. Neben Saint-Saëns kam noch das Klaviertrio von Gabriel Fauré zur Aufführung, das er mit 78 Jahren komponiert hatte, kurz vor seinem Tod.

Zwischendurch immer wieder Musik der Komponistin Mel Bonis (1858–1937), die im neuen Format «Composer to Discover» während des Festivals mehrfach zu hören ist. Sie war an diesem Wochenende mit ihrem kleinen aber faszinierenden Gesamtwerk für Klaviertrio vertreten. Und unter dem Kapitel «Schumann» war auch der Italiener Giovanni Sollima (*1962) mit einer beeindruckenden Uraufführung vertreten, eingebettet in Werke von Clara und Robert Schumann.

Bei den «Dämmerstunden» stach Claude Debussy mit «La mer» hervor, ein monumentales Orchesterwerk, das die Britische Komponistin Sally Beamish für Klaviertrio bearbeitet hat, eine kaum vorstellbare, meisterlich gelöste Herausforderung. Wie ist uns geschehen!! Unsere Sprachlosigkeit über die meisterliche Interpretation des Trio Gaspard entlud sich in frenetischem Applaus.

Und gegen Ende dieses intensiven Programms war es der Armenier Arno Babadschanjan (1921–1983), der uns mit seiner fröhlichen, folkloristisch gefärbten Komposition gegen Osten führte und uns weiterhin bei Laune hielt.

Der ehemalige Intendant Francesco Walter hatte vor 12 Jahren «Kammermusik kompakt» ins Leben gerufen. Man ahnt es, was das heisst: kompakt = viel. Ja, es ist ein Programm von sechs Konzerten in zweieinhalb Tagen. Zum zweiten Mal hat das Trio Gaspard die Herausforderung in seine Hände genommen und uns mit einem breitgefächerten Repertoire in Klangwelten der Klassiker aber auch in fremde Welten entführt. Das Trio arbeitet oft mit zeitgenössischen Komponist*innen zusammen, interessiert sich für selten gespielte Meisterwerke, ist neugierig und experimentierfreudig, immer auf der Suche nach Verbindungen zwischen verschiedenen Zeitepochen. Und das macht die Programme so spannend, abwechslungsreich und aufregend.

Jung und erfolgreich sind sie, der griechisch-albanische Geiger Jonian Ilias Kadesha, die britische Cellistin Vashti Hunter und der deutsch-britische Pianist Nicholas Rimmer. Drei aussergewöhnliche Künstler, die einzeln ihre Karrieren verfolgen und immer wieder als Trio Gaspard zusammenkommen. Und diese Freiheit, dieser Individualismus, die Freude, zusammen zu musizieren, die Leidenschaft, auch die emotionale Balance, die sie in ihre Interpretationen bringen, ist einmalig. Und es ist die Konzentration in der Leichtigkeit, diese «Leichthändigkeit», die verblüffend ist.  Seit 2010 sind sie ein verschworenes Team und spielen auf den renommiertesten Bühnen, als Trio oder eben als Solisten.

Und sie haben sich Joseph Haydn verschrieben, dem Übervater und Mitbegründer vieler klassischer Gattungen (Streichquartett, Klaviertrio, Sinfonie), der viele Künster seiner Zeit beeinflusst hat, auch Wolfgang Amadeus Mozart. Sein Ideenreichtum, seine musikalischen Raffiniessen haben es dem Trio Gaspard angetan hat. Sie sind daran, die über 40 Klaviertrios auf CD aufzunehmen. In einem Jahr soll das Werk vollendet sein. Wenn das Trio Gaspard Haydn spielt, ist es in einer anderen Umlaufbahn.

Seit diesem Jahr ist es der junge Musikwissenschafter, Kontrabassist und Kulturmanager Jonathan Inniger, der als Intendant des Musikdorfes Ernen das Sagen hat. Er steht einem Festival vor, das eine kostbare Trouvaille im grossen Musikzirkus ist, der während des Sommers zahlreiche Dörfer in den Bergregionen heimsucht. So dürfen wir wohl in den nächsten Wochen weiterhin Musik auf höchstem Niveau in einer entspannten Atmosphäre geniessen können.

Madeleine Hirsiger, Zürich/Ernen, 9. Juli 2026

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