Helena Winkelman | Photocredit: Pilvax & OberynHelena Winkelman | Photocredit: Pilvax & Oberyn

Helena Winkelman | Photocredit: Pilvax & Oberyn

Erforschen, was dahinter ist

Helena Winkelman ist Composer in Residence 2022/23 im Musikdorf Ernen. Sie schreibt einen grossen Liederzyklus «Geisterlieder» für vier Sängerinnen und Sänger mit Instrumental-Ensemble, der am 5. August 2023 uraufgeführt wird.

Am Himmel klebt milchig der Vollmond, es ist ruhig und eiskalt im Bergdorf. Ernen scheint den Novembermorgen verschlafen zu wollen. Vom Dorfplatz zur Arbeitsstube von Helena Winkelman sind es nur ein paar Schritte. Auf dem Tisch flackert eine Kerze. Daneben liegen ein Stapel Notenpapiere, ein Stift. Hier brütet die Composer in Residence über der neuen Auftragsarbeit des Musikdorfs. «Geisterlieder» sollen es werden. Winkelman zieht den dunklen Mantel enger um die Schultern. Sie fröstelt, sie habe nur drei Stunden geschlafen, sagt sie. Sie redet leise und sehr schnell. Geisterlieder? Das Werk ist im Entstehen. Ein vielleicht noch zu früher Moment, um darüber zu reden. Es werde ein Zyklus von 29 Liedern, sagt sie. Jedes Lied soll in einer anderen europäischen Sprache gesungen werden. Noch hat sie nicht alle Texte und Autoren beisammen. Dichter seien Menschen mit besonderen Antennen. «Sie dringen in innere Erlebniswelten vor, die schwer zugänglich sind, und sie bringen uns Nachrichten aus einem unbekannten Land.»

Viele Jahre davor waren Dante und dessen Göttliche Komödie für sie eine Inspiration. Gedichte, die den Tod und Transzendenz thematisieren, sind nicht kultur-, zeit- oder sprachgebunden. Grenzregionen ausloten und überschreiten habe sie schon immer interessiert, sagt Winkelman. In einem Nebensatz erwähnt sie, dass sie auf der Suche nach Inhalten auch eine schamanische Ausbildung gemacht hat: «Ich wollte schon immer wissen, was hinter dieser Welt der Phänomene ist. Es gibt Realitäten, die man zwar nicht wissenschaftlich erfassen und auch schwer sprachlich diskutieren kann. Künstlerisch aber sind sie fassbar. Ich möchte sie mittels der Musik auch anderen Menschen zugänglich machen.»

Keine Eintagsfliegen
Die «Geisterlieder» werden im Rahmen der Reihe «Kammermusik plus» uraufgeführt – unmittelbar nach Beethovens «Geistertrio». Der Termin ist bereits fix (5. August). Sie schätze den Druck einer Deadline, sagt die Komponistin. Geplant ist, dass die Sopranistin Christina Landshamer, die Mezzosopranistin Christina Daletska, der Bariton Thomas Oliemans und der Tenor Rolf Romei die neuen Lieder singen werden. Es ist der Komponistin wichtig, dass diese auch nach der Uraufführung noch ein Leben haben. «Ich möchte keine Eintagsfliegen kreieren. Weil so viel Arbeit in einer Komposition steckt, ist es schade, wenn sie nur einmal aufgeführt wird.»

Die Energie des Moments
Seit 1997 ist sie als freischaffende Komponistin gefragt und als Geigerin international tätig, auf beiden Gebieten wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Seit 2011 ist sie zudem künstlerische Leiterin der Camerata Variabile Basel. Aufgewachsen ist Helena Winkelman in Schaffhausen in einer Musikerfamilie. Mit fünf Jahren erhielt sie ihren ersten Geigenunterricht. Später hat sie in Luzern, Mannheim, New York und Basel studiert. Mehrere Jahre war sie Mitglied des Lucerne Festival Orchestra unter der Leitung von Claudio Abbado. Wichtige Impulse habe sie auch vom Geiger Hansheinz Schneeberger und dem Perkussionisten und Jazz-Improvisator Pierre Favre erhalten. «Improvisation ist für mich immer wieder eine grosse Erfahrung», sagt Winkelman. «Weil man dabei aus der Energie des Moments schöpft.» Komponieren dagegen sei ein langsamer Prozess. Am Schreibtisch sitzend sei es oft schwierig, grosse Rhythmuszusammenhänge zu schaffen. «Ich habe angefangen, für das Komponieren von rhythmisch komplexen Teilen mit dem Diktiergerät nach draussen zu gehen.» Beim Gehen in der Natur rezitiere sie die rhythmischen Abläufe aufs Band. «Danach wird es einfacher.»

Was ist ihre Mission als Musikerin? Winkelman schweigt lange. Wie als Geigerin, so möchte sie auch als Komponistin Geschichten erzählen. Und: «Ein Musikstück von 15 Minuten ist ein Kondensat. Wie ein Gedicht. Oder ein Kristall, der unter Druck entstanden ist im Berg. «Bei einem guten Stück haben Aufführende wie Zuhörer das Gefühl, dass sie 15 Minuten intensiver gelebt haben.»

Geschrieben im November 2022, von Marianne Mühlemann

Lesen Sie auch: «Wenn ich nach Ernen komme, fühlt es sich wie ein Heimkommen an», Oktober 2022, von Andreas Zurbriggen

Folgende Werke von Helena Winkelman werden im Sommer 2023 im Musikdorf Ernen aufgeführt:

Dienstag, 1. August 2023 
«Vis- à- vis Goya» 7 Miniaturen für Cello und Klavier (2019)

Mittwoch, 2. August 2023
«AER» aus dem Zyklus «Aria, Ignis, Terra, Aqua» für Flöte (2013)

Samstag, 5. August 2023
«Geisterlieder» | Uraufführung – Auftragswerk des Festivals Musikdorf Ernen

Samstag, 9. September 2023
Neun Bagatellen aus den «12 Visitations from the past» (2020)

Das Projekt «composer in residence 2022/23» wird von der Loterie Romande, von der Pro Helvetia – Schweizer Kulturstiftung und von der SUISA Stiftung für Musik unterstützt.

Zurück