Momente der Schwerelosigkeit
Das Wendel Quartet vereint musikalische Sensibilität mit jugendlicher Energie. Am Samstag ist im Musikdorf Ernen ein Ensemble zu erleben, dessen Namen man sich merken sollte.
Was schweben da für himmlische Klänge durch die Luft? Es sind die ersten Noten von Robert Schumanns Klavierquartett, die für einen Moment alle irdische Schwere hinter sich lassen. Wunderschön poetisch schickt das Wendel Quartet, das zurzeit als Ensemble in Residence in Ernen weilt, bei der Probe die Töne in den Kirchenraum hinein.
Das Klavierquartett, das sich 2024 an der Musik-Akademie Basel formiert hat, ist mit drei Werken ins Musikdorf angereist, die das breite musikalische Spektrum des Ensembles hörbar machen: Werke von Robert Schumann, Alfred Schnittke und Mel Bonis – der diesjährigen Komponistin «to discover».
Von der französischen Komponistin Mel Bonis (1858–1937) spielt das Ensemble das zweite Klavierquartett. Matteo Cimatti, Violinist des Ensembles, schwärmt: «Dieses Werk hat etwas Visionäres, fast Halluzinatorisches und scheint kaum noch der Erde behaftet.» Wie gut korrespondiert dieses Werk doch mit dem ätherischen Beginn von Schumanns Klavierquartett in Es-Dur!
Ganz andere Töne erklingen beim dritten Werk: Der stilistische Tausendsassa Alfred Schnittke (1934–1998) legte seinem rund siebenminütigen Klavierquartett das Scherzo-Fragment des 16-jährigen Gustav Mahler zugrunde und versuchte, dieses mit seinen eigenen musikalischen Stilmitteln zu vollenden. Die Ironie der Geschichte: Schnittkes Werk blieb selbst Fragment.
Renommierte Mentorin
Während gut einer Woche kann das Wendel Quartet als Ensemble in Residence in Ernen weilen. «Ich war bereits beim Orpheus Wettbewerb von der Qualität der Musiker*innen völlig überzeugt, als ich vor zwei Jahren das Wendel Quartet zum ersten Mal gehört habe», sagt Festival-Intendant Jonathan Inniger. Das Ensemble kam damals am Wettbewerb jedoch nicht unter die ersten drei.
Trotzdem lud Inniger das Wendel Quartet ein für ein Konzert im Musikdorf. Im letzten Herbst 2025 war es erstmals in Ernen zu hören: am «Newcomers»-Wochenende. «Das Ensemble wirkt so vielversprechend, dass wir ihm ermöglichen wollen, über mehrere Tage intensiv an einem Programm zu arbeiten und sich als Klavierquartett weiter zu formieren», so Inniger.
Am Wochenende erhält das Ensemble dafür zusätzliche künstlerische Impulse: Mit Suyeon Kang vom renommierten Belcea Quartet reist eine international erfahrene Kammermusikerin als Mentorin nach Ernen. Unter ihrer Anleitung können die vier jungen Musiker*innen weiter an Klang, Zusammenspiel und interpretatorischer Feinabstimmung arbeiten.
Am Samstag, 20. Juni, ist das Wendel Quartet um 17.00 Uhr in der Kirche St. Georg in Ernen zu hören. Dann zeigt sich, was während der Residency gewachsen ist.
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Ernen, 18. Juni, Andreas Zurbriggen, Komponist und Musikpublizist


