Ungeheuerliches hat sich zugetragen
Die St. Georg Kirche in Ernen ist sehr gut besetzt, als uns der neue Intendant Jonathan Inniger über das gleich stattfindende Konzert aufklärt: es gibt keine Pausen zwischen den einzelnen Stücken, also klatschen Sie nicht. Behalten Sie den Applaus für den Schluss auf. Und ja, es könnte zwischendurch auch laut werden. Zögern Sie nicht, wenn nötig, die Ohren zuzuhalten. Aha. Wir haben verstanden, natürlich ohne genau zu wissen, was auf uns zukommt.
«Vom Quell’ zum Meer», das war beim Festkonzert Nr. 2 angesagt, passend zum diesjährigen Festival-Motto «Im Flow». Es ging also um das Wasser, das Element, das in der Literatur, der Malerei und natürlich in der Musik oft und vielfältig seinen Ausdruck findet. Jeder Bach hat seine Geburt irgendwo an einer feinen Quelle, bietet Inspiration und regt die künstlerische Kreativität an.
Der Klaviervirtuose Franz Liszt überquerte 1834 als 23-jähriger den Furkapass und auch er war von solch feinen Quellen fasziniert und schuf innerhalb des Zyklus «Années de pèlerinage – Première année: Suisse» das Klavierstück «Au bord d’une source». Dieses wurde wenige Jahre später für drei Violinen bearbeitet und so in Ernen – wo Liszt auf seiner Reise zu sehen gewesen wäre – auf der Kirchenbühne aufgeführt. Es war ein wunderbarer Einstieg auf das, was noch kommen sollte.
Und wir erlebten, was «Flow» bedeutet: bei den letzten Noten der Geigen schlichen sich die beiden Pianisten Alasdair Beatson, der Schotte, und sein finnischer Kollege Joonas Ahonen wie auf Samtschuhen zum Flügel und intonierten vierhändig en suite «Vltava» («Die Moldau») aus dem grösseren Zyklus «Mein Vaterland» von Bedřich Smetana. Eigentlich für Orchester komponiert, bearbeitete Smetana sein Musikstück für Klavier selbst. Es ist wohl das bekannteste Werk des Tschechen, das leise rieselnd bei der Quelle beginnt und sich zu einem Strom entwickelt, was die Musik nachvollziehbar und kräftig wiedergibt.
Da hat man ja schon Mal gestaunt, wie sanft der Übergang von einem Stück zum andern gehen konnte. Und dann blieb der Finne sitzen und nahm die drei Streicher*innen (Violine, Viola und Cello), die schon bereit standen, in seinem Kreis auf, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Mit grosser Aufmerksamkeit und Genuss folgten wir der «Barcarolle» für Klavierquartett von Camille Saint-Saëns. Auch hier führt die Musik vom ruhig wiegenden Wasser hin zu wilden Turbulenzen, um wieder in die Stille zurückzukehren.
Dann nahtlos der aufschreckende Paukenschlag, unerwartet und heftig, ausgeführt vom Spanier Santiago Villar Martin, der als Perkussionist sein breit gefächertes künstlerisches Können auf seinen verschiedenen Trommeln durch das Kirchenschiff jagte, mal leise und zart, dann wieder mit aller Härte und Entschlossenheit. «Towards Completion: Fire over Water», das der treffende Titel des dänischen Avantgarde-Komponisten Per Nørgård, der im letzten Jahr verstarb. Ihm war es immer wichtig, dass das Publikum den musikalischen Verlauf nachvollziehen kann. Das konnten wir – es war eine Bereicherung, beeindruckend und mitreissend, und es kamen auch allerlei «Werkzeuge» zum Einsatz.
Und wie könnte ein solch unvergesslicher Abend schöner aufhören, als mit «La Mer» von Claude Debussy, einem Werk, das er ursprünglich für Orchester komponiert hatte. Es war die Britin Sally Beamish, die das Stück für ein Klaviertrio bearbeitet hat. Und hier ist es der Wind, der mit dem Wasser spielt und in der Morgendämmerung subtile Lichtveränderungen auf das Nass zaubert, gefolgt von der Schönheit der Bewegungen im Wellenspiel. Sublime!
Dann endlich die Erlösung: das Publikum war nicht mehr auf den Kirchenbänken zu halten, der Applaus war frenetisch und wollte nicht abflauen. Das Unterfangen, zwischen den Stücken auf Pausen zu verzichten, ging für jedermann auf. Es war eine Wohltat, im Wissen, dass es nicht bei jedem Programm durchgehalten werden kann, denn so ein Flow wie beim Festkonzert Nr. 2 ist nicht beliebig wiederholbar.
Verspieltes Duo
Schon gar nicht bei den beiden Spezialisten Charl du Plessis (Klavier) und Matthew Hunt (Klarinette), die schon letztes Jahr zusammen aufgetreten sind, um uns jazzmässig – immer wieder mit einem Touch Klassik – in andere Welten zu katapultieren: Welten voller Freude, voller Ironie und Schlaumeiereien, aber immer hoch professionell und musikalisch auf höchstem Niveau, angefangen mit Johann Sebastian Piazzolla, wie der südafrikanische Pianist und Unterhalter zu scherzen pflegte.
Und wenn der Brite Hunt von der Klassik zu Dave Brubeck hinüberschwenkt, kennt er bei «Take Five» (– und nicht etwa «Six», was auch schon vorgekommen sein soll –) kein Halten mehr. Er behandelt seine Klarinette wie ein delikater Zauberstab und lässt die Töne klingen wie Kirchenmusik.
Bei «Beethoven’s Blues», einer Bearbeitung von Beethovens «Für Elise» durch Charl du Plessis, finden die beiden nicht mehr aus der Anfangsmelodie hinaus – sowieso ein Ohrwurm –, sehen sich an, lachen, um dann den absolut perfekten Ausstieg zu finden, zum Gaudi des Publikums. Und wenn sie sich am Ende herzlich umarmen, Charl auf den Zehenspitzen, da Matthew doch grösser ist, möchte man gerne wissen, was sie sich gegenseitig ins Ohr flüstern.
Den beiden auf der Kirchenbühne zuzuschauen, ist reinstes Vergnügen, das einen gut gelaunt und zufrieden in die warme Sommernacht entlässt – in der Hoffnung, dass uns die beiden erneut überraschen. Sie sind sozusagen das Sahnehäubchen auf der exquisiten Torte. Wir möchten sie nicht missen.
Ernen/Zürich, 7. August 2026, Madeleine Hirsiger





