Forellen, Phönix, Schattenfisch

Kammermusik plus
28. Juli – 10. August 2024
Brennende Intensität und leidenschaftliche Freude

Wetten, dass in Ernen ein 1.-August-Feuer gezündet wird, auch wenn es die Wetterumstände nicht erlauben, im Freien Feuer zu entfachen? Am Morgen des Nationalfeiertags gibt es in der Kirche St. Georg ein musikalisches Feuerwerk «made in Switzerland», das mindestens so viel Euphorie und Feierlichkeit versprüht, wie brennende Vulkane, Höhenfeuer und Leuchtraketen. Folgen Sie einfach der Trompetenfanfare von Arthur Honeggers «Intrada» und Sie sind dabei.

Doch lohnt es sich, gleich zwei Wochen in Ernen zu sein: Alasdair Beatson, der künstlerische Leiter von «Kammermusik plus», hat keinen Aufwand gescheut, um einige der renommiertesten Kammermusikerinnen und -musiker nach Ernen zu holen, die in wechselnden Formationen sieben Kammer- und zwei Orchesterkonzerte gestalten. Programme voller funkelnder Lichtpunkte.

Viel zu entdecken
Gewaltig wird es da brennen und knistern: «Entflammte Herzen», «Lebensstürme», «Im Glanz der Sonne» oder «Höllenküche» lauten die Titel der Abende, in denen es Beliebtes zu hören gibt (Mozarts Streichquintett C-Dur oder Griegs «Holberg-Suite») aber auch Entdeckungen: Kennen Sie die Violinsonate von Richard Strauss, die griechischen Tänze von Nikos Skalkottas, oder das kurze Klavierkonzert «Young Apollo» von Benjamin Britten? Fanny Hensels «Capriccio» für Violoncello und Klavier oder Bohuslav Martinůs Ballettmusik «La revue de cuisine»? Oder haben Sie Sergei Prokofjews Suite aus «Romeo und Julia» schon mal in der Version für Bratsche und Klavier gehört?

Spannend zu wissen auch dies: In einigen Konzerten werden die Pianisten Joonas Ahonen, Alasdair Beatson und Paolo Giacometti ihre Parts auf einem Hammerflügel spielen, einem Nachbau eines Fortepianos von 1815 – ein extra Kick an mitreissenden Interpretationen ist garantiert!

Ein klingendes Netz
Wie subtil die einzelnen Programme gestaltet sind, zeigt sich in den Kammerkonzerten 5, 6 und 7. Am Sonntagabend wird Franz Schuberts berühmtes «Forellenquintett» dem «Shadowy Fish. Hommage à Schubert» vom Composer in Residence Christian Mason gegenübergestellt. Nicht verpassen sollte man am Abend davor die Uraufführung von «Figures in a landscape (awaiting eternity)», das Mason im Auftrag des Musikdorfs Ernen komponiert hat.

Im Kammerkonzert 6 («Leuchtfeuer») wird eine Linie gezogen von vier französischen Persönlichkeiten, die alle in einem Lehrer-Schüler-Verhältnis standen: Das jüngste Glied macht den Anfang – Jean Françaix ist mit seinem spielerischen Streichtrio vertreten, danach folgen seine Lehrerin Nadia Boulanger mit den impressionistisch schwebenden drei Stücken für Violoncello und Klavier, deren Lehrer Gabriel Fauré mit seinem Klaviertrio und als krönender Abschluss von Faurés Lehrmeister Camille Saint-Saëns das Septett für Trompete, Klavier und Streichquintett.

Musik aus der Asche
Viele dürften sich freuen, dass im Kammerkonzert 7 die «Drei Romanzen für Violine und Klavier» op. 22 von Clara Schumann zu hören sind, eines ihrer beliebtesten Werke. Sie hat die Stücke 1853 komponiert, in dem Jahr, als der zwanzigjährige Brahms zum ersten Mal das Haus der Schumanns betrat und das Dreiecksverhältnis zwischen Robert, Clara und Johannes seinen Anfang nahm. Auch Robert arbeitete 1853 an Romanzen, fünf an der Zahl für Violoncello und Klavier. Wenig später wurde er in die Irrenanstalt Endenich überführt, wo er 1856 starb. Clara hat vierzig Jahre nach der Entstehung die fünf Cello-Romanzen Roberts verbrannt, mit Zustimmung von Brahms. Doch weshalb?

Es wird spekuliert, dass es in den Noten intime Botschaften gab, die Clara der Nachwelt vorenthalten wollte. Der Schweizer Komponist, Dirigent und Oboist Heinz Holliger (geb. 1939) hat der verbrannten Musik ein Denkmal gesetzt. Seine «Romancendres» – eine Wortschöpfung aus Romanze und Asche (cendre) – bezeichnen Momente aus Robert Schumanns Leben: «Aurora (Nachts)» ist ein Abbild jugendlicher Hoffnung, überschattet von nächtlichen Heimsuchungen, «R(asche)S Flügelschlagen» erinnert an Schumanns Körperbewegungen im Wahn (veranschaulicht durch Anschlagen der Flügelsaiten). «Romancendres» bildet mit dem Streichsextett G-Dur von Brahms den Kern des Kammerkonzerts 7 unter dem Titel «Phönix».

Kammermusik plus | 28. Juli – 10. August 2024 | Brennende Intensität und leidenschaftliche Freude
7 Kammerkonzerte und 2 Orchesterkonzerte

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Geschrieben im Dezember 2023, von Marianne Mühlemann

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