In die Tiefe gehen

Newcomers
6.–8. September 2024
Neugierig, spielfreudig und besonnen zugleich

Am liebsten würden viele Musikerinnen und Musiker die Corona-Pandemie aus der Erinnerung streichen – eine Zeit, in der Konzertsäle leer blieben und nicht wenige ihre Existenz infrage gestellt sahen. Drei junge Musiker in Basel sahen die Einschränkung als Chance, mit leeren Agenden sich in die Klaviertrios von Robert Schumann zu versenken: Tim Crawford, Martin Egidi und Martin Jollet. Damit wurde die Pandemie zur Geburtsstunde des Ensemble Zeitgeist.

Zunächst waren sie als Klaviertrio unterwegs, 2023 auch im Musikdorf Ernen als Preisträger der Orpheus Competition. Bald gesellte sich die Bratschistin Alinka Rowe hinzu. Nun treten sie als Ensemble in verschiedenen Besetzungen auf. Auch wenn der Klassikbetrieb oft wenig Flexibilität erlaubt – Veranstalter laden entweder ein Duo, oder ein Klaviertrio oder ein Klavierquartett ein – doch das Ensemble Zeitgeist geniesst die vielfältige Kombination der vier Instrumente. Dem trägt das Musikdorf Ernen Rechnung und präsentiert das Ensemble Zeitgeist einmal als Trio und einmal als Quartett.

Vielfältige Karrieren
Heute sind die Agenden der vier ‘Zeitgeists’ – wie sie sich selbstironisch nennen – wieder voll. Gemeinsames Planen gleicht einem vertrackten Tetris-Spiel und erfordert oft nächtliche Zugreisen oder frühmorgendliche Flüge. Denn sie alle geniessen vielfältige Kammermusik-Karrieren in ganz Europa.

Der Geiger Tim Crawford zum Beispiel wurde bereits mit 19 Jahren zu «Kammermusik plus» in Ernen eingeladen. Heute hat er ein Streichquartett zwischen England und Amsterdam, spielt regelmässig im einzigen staatlich getragenen Kammerensemble Dänemarks, und ist europaweit mit Grössen wie Vilde Frang, Alina Ibragimova, Timothy Ridout oder Antje Weithaas zu hören. Die Bratschistin Alinka Rowe gehört aktuell zur «Kammermusik-plus-Familie» im Musikdorf Ernen, Martin Jollet ist als Konzertpianist und Festivalorganisator tätig und Martin Egidi pendelt mit dem modernen und dem Barockcello zwischen zeitgenössischer und alter Musik.

Das Werk im Zentrum
An der Orpheus Competition im November 2023 überzeugten zwei Klaviertrios besonders: das Trio Zarathoustra und das Trio Basilea. Früher wurde jungen Ensembles eine bilderstürmerische Haltung nachgesagt. Alles sollte neu und anders gemacht werden, was nicht selten zu oberflächlichen Interpretationen führte. Doch dem aktuellen Zeitgeist entspricht das nicht, denn: Was die «Newcomers»-Ensembles vereint, ist die Suche nach dem tiefen Verständnis der Werke.

Das französische Trio Zarathoustra etwa liess sich von der Figur aus Friedrich Nietzsches Philosophie inspirieren und schreibt: «Zarathustra spricht; aber er tut dies auf eine poetische Art und Weise, die uns ähnlich erscheint wie Musik, in der Ideen auf eine bedeutungsvolle Weise fliessen. Uns gefiel die Vorstellung, dass Zarathustra nur ein Bote ist, der Ideen weitergibt. So sehen wir uns gerne in der gleichen Funktion gegenüber dem Publikum: Wir stehen auf der Bühne, um die Ideen und die Musik der Komponisten zu präsentieren, wir sind die Vermittler.»

Dass dabei aktuelle Musik oder Werke von Komponistinnen dazugehören, ist für die jungen Ensembles heute selbstverständlich. So präsentiert etwa das Trio Zarathoustra Musik von Lili Boulanger, das Trio Basilea ein «Caprice» von Jannik Giger (geb. 1986) und das Ensemble Zeitgeist spielt «Chants de siris», das von Jean-Sélim Abdelmoula (geb. 1991) eigens für das Ensemble komponiert wurde.

Ein beachtenswertes Debüt
Neu im 2024: Zum ersten Mal beinhaltet das «Newcomers»-Wochenende ein Klavierrezital. Giorgi Iuldashevi präsentiert unter anderem Beethovens «Mondscheinsonate» und wird den Tiefgang sicherlich nicht vermissen lassen. Doch das ist nicht alles an poetischer Musik: Auch Maurce Ravels zauberhafte «Pavane pour une infante défunte» und die Musik des Jahrhundertballets «Der Nussknacker» von Pjotr Tschaikowski stehen auf dem Programm von Iuldashevi. Der in der Schweiz lebende Georgier, der fünf Sprachen fliessend spricht, wurde von der legendären Pianistin Maria João Pires gefördert und hat für seine Debüt-CD (Gramola Records, 2023) das ausführliche und umfassend recherchierte Booklet gleich selbst verfasst.

Ein Besuch der Newcomers-Konzerte lohnt sich also auf jeden Fall – auch weil damit der Beginn des farbenprächtigen Gommer Herbstes eingeläutet wird!

Newcomers | 6.–8. September 2024 | Neugierig, spielfreudig und besonnen zugleich
4 Kammerkonzerte und ein Klavierrezital

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In die Musik reinhören: Playlist ‘Newcomers 2024’ auf Spotify

Geschrieben im Dezember 2023, von Jonathan Inniger

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