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Alasdair Beatson – der Virtuose am Flügel

Er kommt aus Schottland, meinem Lieblingsland. Sein leicht gekräuseltes hellbraunes Haar ist ganz leicht nach vorne ins Gesicht gekämmt – so schien es mir – wie bei Komponisten oder feinen Herren aus dem 19. Jahrhundert, die sich oft auf Stichen festhalten liessen – mit steifen Stehkrägen, die ein Nicken verunmöglicht hatten. Von Ohr zu Ohr ein halbkurzer Bart gleicher Farbe wie das Haar, auf dem Hinterkopf der Ansatz einer Glatze, wie bei Mönchen aus dem Mittelalter. Seine schwarze Jacke und die Hose umhüllen leger seinen Körper, die Füsse stecken in dezent blauen Socken, die in dunklen Schuhen – eine Mischung aus Turn- und Strassenschuhen – halb verborgen bleiben.

Um es vorweg zu nehmen: es war der letzte Satz der Komposition „La mer“ von Claude Debussy, eigentlich für Orchester geschrieben, von der Britischen Viola-Spielerin und Komponistin Sally Beamish aber für Trio bearbeitet, der mich aufgewühlt hat. Wie sie dies gemacht hat, ist für mich als Nichtmusikerin sowieso unvorstellbar. Es war meisterlich, emotional, ja, es war ein orkanartiges Erlebnis.

Alasdair Beatson kommt leichten Fusses die Treppe in der Kirche von Ernen runter, setzt sich an den Flügel – und ohne grosses Insichkehrens, seine mächtigen Hände noch ineinandergelegt, sie sind schliesslich sein kostbares Werkzeug, legt er sie sanft auf die Tasten. Vor ihm sind das Cello und die Geige positioniert. Mit einem gefühlten Paukenschlag beginnt der letzte Satz, der mit „Dialogue du vent et de la Mer. Animé et tumultueux“ treffend überschrieben ist. Unvermittelt ist man schon im Strudel, kräftig fliegen die Töne herum, in höchster Konzentration auch von den Streicherinnen in den barocken hohen Raum geschleudert, Akzente geben ab und zu strukturelle Anhaltspunkte, die aber umgehend wieder verfliegen. Keine Ratio, kein Versuch zu verstehen helfen da. Es gibt nur eines: loslassen, sich hineingeben in diesen komplexen und vieltonigen Klangkörper, der dem Trio und dem Zuhörenden viel abverlangte und grosse Freude bereitete. Alasdair, der brillante Virtuose am Flügel, dem die ganze Komplexität dieses Stückes nur so aus den Fingern floss und den es aus dem Klavierstuhl hochkatapultierte, wenn es zu einem fortissimo Zwischenakkord kam, den er mit ganzem Körpereinsatz in die Tasten drückte und der oft der Anfang zu etwas Neuem war. Mit seinem spitzbübischen Gesicht mit zwei blauen, wässrigen Augen, lächelte er seinem Mitspielerinnen zu, als wollte er sagen: ist das nicht grandios? Wir befinden uns auf einem Höllenritt das Goms hinauf und wieder hinunter. Wie ein sich schnell entwickelndes Sturmtief, das seine starken Winde schon vorschickte, drangen die Klänge in uns hinein, mein Gott, wo stand uns der Kopf, das Gehör, die Emotionen. Die Musik rührte in uns herum, immer wieder spielerische Höhepunkte der drei Instrumente, der Pferdeschwanz der jungen begabten Geigerin Maria Włoszczowska im samtenen schwarzen ärmellosen Kleid, fegte wie im Galopp umher, auch sie hüpfte immer wieder vom Stuhl hoch, um dem Akzent noch einen draufzugeben, die grossartige Cellistin Xenia Jankovic mit ihrem Instrument mit eingeschränkten Bewegungsmöglichkeiten, drückte ihr Talent mit Innigkeit und geschlossenen Augen aus, auch sie in diesem Strudel von Tönen, die eingefangen und gespielt werden wollten. Und Alasdair? Er sass auf seinem Stuhl wie ein kleiner Gnom, den Rücken gekrümmt, den Kopf gegen die Tasten gebeugt, mit runzliger Stirn hob er nur soweit die Augen, dass er etwas vom Notenblatt sah, die Finger immer wieder gebündelt, als würde er auf einem Holzbrett mit dem Messer etwas Schneiden oder Brotkrümel zusammenlesen! Wie konnte er da die Läufe spielen, wie hat er seine zusammengebündelten Finger auseinander gefächert, wie hat er auf die Noten geschaut, die Töne gespielt, die in Windereile über die Saiten flogen und wie sich die junge Frau, die für das Seitendrehen zuständig war, erhob, sich hinsetzte um sich nach kurzer Zeit schon wieder zu erheben. Und dann, wenn Alasdair Beatson sein rechtes Bein grad nicht auf dem Pedal hatte, löste er es vom Boden, hob es in die Luft, krümmte es leicht nach hinten und schlug mit dem Fuss den Takt ins Leere – als ob es einen Takt gegeben hätte –, in seinen undefinierbaren Schuhen mit den dezent blauen Socken. Aber es gibt wohl in jedem Sturm eine Ordnung, die wir nicht erkennen, aber freudig erleben und uns ergeben. Es war teuflisch schön, und nach den Verbeugungen sprang er, nachdem er den Damen den Vortritt gelassen hatte, die Kirchentreppe hinauf wie ein Wiesel, immer noch nach vorne gebeugt, als könnte er erst morgen wieder gerade aufrecht gehen.

Ernen, 30. Juli 2017, Madeleine Hirsiger

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