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«Meer sollte er heissen»

Mit Chorwerken aus verschiedenen Epochen eröffnete der SOLAND Chor die Reihe «Kammermusik plus» hier im Musikdorf Ernen.

«Nicht Bach, sondern Meer sollte er heissen», urteilte Beethoven einst über Johann Sebastian Bach. Ruth Soland, bekennende Bach-Verehrerin und Leiterin des nach ihr benannten Chors, wählte Beethovens Ausspruch als Überschrift für ein Chorkonzert, das die gängigen Bahnen verliess und Ufer fruchtbar überschwemmte. Am vergangenen Sonntag standen nämlich Werke aus gleich drei Epochen auf dem Programm ihres Gastauftritts im Walliser Musikdorf Ernen. Der SOLAND Chor interpretierte nebst einer Chorbearbeitung vom Contrapunctus 1 aus Bachs «Die Kunst der Fuge» unter anderem auch die alle Gefühlslagen der Liebe durchlaufenden «Zigeunerlieder» von Johannes Brahms und der in seiner Tonsprache zurückgenommene, aber dennoch unglaublich intensive Klagegesang «Svyati» des 2013 verstorbenen Briten John Tavener.

Homogene Klangschönheit
Manchmal braucht es nur ganz wenig, um ein Gefühl der Vollkommenheit zu kreieren. Drei schön gesungene Akkorde sind oftmals schon genug. Solch einen Moment erschafft John Tavener am Ende seines Werkes «Svyati» für Chor und Violoncello Solo: simple, vom Chor vorgetragene Dreiklänge, durchbrochen von einer sehnsuchtsvoll aufsteigenden Cellolinie. In traumwandlerischer Sicherheit fing der SOLAND Chor die Magie dieses Momentes ein – sonor, poetisch, in inniger Ruhe.
Die 17 aus verschiedenen Teilen der Schweiz angereisten Sängerinnen und Sänger standen dabei im Dialog mit der Cellistin Xenia Jankovic, ihres Zeichens künstlerische Leiterin der Kammermusik-Plus-Reihe am Festival Musikdorf Ernen. In kantablem Gestus fügte sich Jankovic als ergänzende und Zwiesprache haltende Stimme vorzüglich in die homogene Klangschönheit des in Zofingen stationierten Chores ein.

Gekonnte Balance
Einen gänzlich anders gearteten Part übernahm Jankovic in Anton Arenskis «Drei Quartette für vierstimmige Chöre mit Violoncello». Anstatt Traurigkeit evozierende Kantilenen spielte sie etwa im dritten Quartett «Die heisse Quelle» sprudelnde Floskeln in virtuoser Leichtigkeit. Ruth Soland gelang es indes stets, das Gleichgewicht zwischen Chorklang und Cello gekonnt in Balance zu halten.
Wie viel Temperament der SOLAND Chor mit Sitz in Zofingen ins Wallis mitbrachte, zeigte sich in der Interpretation von Brahms «Zigeunerliedern». Energie und Singfreude keinen Moment verlierend, wechselten sich gekonnt solistische Einlagen mit Ensemble- und Tutti-Passagen ab. Dabei zeigte sich, wie viel stimmliche Qualität in diesem Chor steckt, der etablierte Profisänger mühelos mit sich etablierenden Sängern zu vereinen vermag. Vorzüglich begleitete Paolo Giacometti in der prächtigen Erner Barockkirche auf dem Steinway-Konzertflügel das Gesangsensemble durch die von ungarischer Volksmusik inspirierten Liebeslieder.

Ernen, Dienstag, 31. Juli 2018, von Andreas Zurbriggen

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