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«Alle Facetten erspüren»

Als «composer in residence» am Musikdorf Ernen komponierte Thomas Larcher ein Trio von berückender Schönheit. Am «Newcomers»-Wochenende kann man erneut in die faszinierende Klangwelt dieses Komponisten eintauchen. Ein Treffen mit dem Komponisten im Sportcafé Seiler.

Irgendwann wird in einer Musikenzyklopädie eine Notiz zum 7. August 2021 vermerkt sein, einem herbstlich kalten Tag in diesem ach so verregneten Sommer. Das Wetter wird bei dieser Notiz jedoch keine Rolle spielen, denn an diesem Tag geschah ein metaphysischer Akt, welcher den profanen Wetterphänomenen enthoben war. Gegen Abend ertönten nämlich in der Erner Kirche St. Georg unerhörte Klänge, deren Schönheit und Erhabenheit Schubert'sche Qualitäten vorweisen konnten.  

An diesem Abend wurde ein extra für das Festival Musikdorf Ernen komponiertes Trio für Klarinette, Violoncello und Klavier von Thomas Larcher uraufgeführt, dem diesjährigen «composer in residence». Der Klarinettist Matthew Hunt, die Cellistin Chiara Enderle Samantanga und der Pianist Alasdair Beatson kreierten bei der Uraufführung sinnliche Momente, die zwischen idyllischen, in die musikalische Vergangenheit weisenden Sehnsuchtsmomenten und rhythmisch pulsierendem Drängen changierten.

Wenige Stunden vor der Uraufführung treffe ich Thomas Larcher nach der Generalprobe zu einem Gespräch im Sportcafé Seiler. Mit dabei hat er seine Freundin, die Autorin Friederike Gösweiner.

Proben macht hungrig. Bei Flammenkuchen beginnen wir über die Aneignung von musikalischen Materialien und Intuition zu philosophieren.

«Ich glaube nicht, dass man als Komponist so viel erfindet», beginnt der österreichische Komponist mit einer nicht alltäglichen Sicht auf seine Zunft und präzisiert sogleich: «Die im Kindesalter gehörte Musik bleibt so irrsinnig tief in einem, daraus schöpft sich alles weitere.»

Im Kindesalter sog Thomas Larcher vor allem die Musik von Franz Schubert und Wolfgang Amadeus Mozart in sich hinein. Seine Mutter, eine passionierte Sängerin, begleitete er bald einmal auf dem Klavier. Schubertlieder gehörten zum Standardrepertoire. Im privaten Kreis wurden Schubertiaden veranstaltet.

Etwas hört man der Musik von Thomas Larcher sofort an: Sie basiert nicht auf irgendwelchen ausgetüftelten Zahlenreihen, sondern entsteht durch ein Hineinhorchen in Klänge und deren Verläufe. Bei Larchers Musik ist es wie bei derjenigen Schuberts, jeder Ton passt intuitiv perfekt zu allen anderen.

«Vieles entsteht durch Weglassen», beschwichtigt Larcher meine euphorischen Aussagen zur vollkommenen Intuition: «Es nervt mich einfach, wenn etwas musikalisch nicht stimmt».

Thomas Larchers Obsession ist das Durchhören, den Akt des Komponisten, ein Stück so oft mit dem inneren Ohr sich vorzustellen und dabei alles so lange zu wenden und zu bearbeiten, bis auch die letzte Nuance eines Stückes stimmig wird. «Alle Facetten erspüren», nennt Larcher diese Vorgehensweise.

In seinen Werken verarbeitet Larcher Einflüsse ganz unterschiedlicher Art: Im Trio gibt es einen Moment mit einem wehmütigen Klarinettenseufzer, den ich als Tiroler Idyll höre, anspielend auf seine Heimat. «Warum nicht Erner Idyll?», fragt seine Freundin. Sie hat recht, Musik lässt sich nie eindeutig verorten.

Thomas Larcher erzählt von einem Klavierstück, das er für den Pianisten Lars Vogt als Genesungsstück komponierte, bei dem im Februar 2021 ein schwerwiegender Krebs diagnostiziert wurde. Das wehmütige Idyll war also weder österreichisch noch schweizerisch gedacht, sondern als Freundschaftsgeste.

Zeit in Ernen verbrachte der «composer in residence» im vergangenen August und Oktober. Dabei ging er seiner zweiten grossen Passion nach: dem Fahrradfahren. Er erzählt mir von einer Tour über die Grimsel, nachdem der Pass für den motorisierten Verkehr gesperrt wurde. Die geplante Tour zum Mattmarkstausee, von der er mir bei unserem ersten Treffen im August vor einem Jahr schwärmte, kam leider nicht zustande.

Bei beinahe jedem Fahrradfahrer, der an unserem Tisch im Seilercafé vorbeikommt, gibt er die passende Diagnose zum Zustand des Gefährts. Thomas Larcher wäre auch ein guter Fahrraddoktor geworden.

Und er vereint Welten. Er ist einer der meistgefragten Komponisten unserer Zeit, als Pianist spielt er mit den renommiertesten Interpreten zusammen und als Sportler verfolgt er erstaunlich hohe Ambitionen.

Nicht minder vereinen auch seine Werke unterschiedliche Sphären. «Beim Komponieren interessiert mich das Spannungsfeld, das zwischen verschiedenen musikalischen Welten entstehen kann», erörtert es Larcher. Dies widerspiegle die plurale vielfältige Welt, in der man lebe.

Obwohl er durchaus das Talent hätte, ungebrochene Musik, im Stile Schuberts etwa, zu komponieren, interessiert ihn das nicht. «Solche Musik wäre zu hermetisch, zu idyllisch, schlicht überflüssig», bringt er seine Ansicht auf den Punkt.

Und doch wird man beim Hören von Larchers Musik an Schubert, Mahler oder Pärt erinnert. «Bei der Probe ist mir endlich bewusst geworden, an was mich eine Stelle in meinem Stück erinnert: Gustav Mahlers frère Jacques-Imitation in der Ersten Symphonie», gesteht er seiner Freundin und schweift über zu Gedanken, ob eine musikalische Aneignung anderer Komponisten oder Musiktraditionen überhaupt zulässig ist. Zu einer eindeutigen Antwort kommen wir nicht.

Und noch ein anderes Vorbild stand übrigens Pate für sein Trio: Schumann. «Eigentlich wollte ich einzelne Sätze Komponieren wie dessen Märchenerzählungen für Klarinette, Viola und Klavier».

Letztlich entschied er sich für eine assoziative rhapsodische Form, bei der die einzelnen Teile ineinander übergehen. Und die Musiker Spielfreude entwickeln können. «Die Musiker sollen phrasieren dürfen, mit ihrem Instrument singen, ja, einfach das machen, was sie am liebsten tun und wofür sie ausgebildet wurden».

Mit diesem kleinen Seitenhieb gegen eine allzu starre avantgardistische Sichtweise auf die Neue Musik wird eines klar: Das musikalische Material entscheidet nicht, wie frisch und neu eine Musik klingen kann. Dafür ist Thomas Larcher das beste Beispiel.

Am Sonntag, dem 12. September, interpretiert das Quartetto Eos im Rahmen vom «Newcomers»-Wochenende das Streichquartett «Cold Farmer» (1990) von Thomas Larcher. Dabei lassen sich noch ein letztes Mal im diesjährigen Erner Musiksommer die sinnlichen Qualitäten von Larchers Musik erfahren.

Ernen, 3. September 2021, Andreas Zurbriggen (Musikpublizist und Komponist) 

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