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Ein britischer Komponistenstar im Musikdorf

Tom Coult gehört zu den aufsteigenden Stars am Komponistenhimmel. 2021/22 ist er «composer in residence» im Musikdorf Ernen.

Nur den wenigsten Komponisten gelingt eine so steile Karriere wie dem 1988 in London geborenen Tom Coult. Orchester und Ensembles von Weltruhm, wie die London Sinfonietta, das BBC Philharmonic Orchestra und das Arditti Quartett spielen seine Werke und geben ihm neue in Auftrag. Bereits 2017 erhielt Tom Coult den musikalischen Ritterschlag – als gerade einmal 29-jähriger Komponist. Die traditionsträchtigen «BBC Proms» wurden nämlich mit einer Uraufführung von ihm eröffnet: mit dem Orchesterstück «St John's Dance».

Tom Coult, Sie sind der diesjährige «composer in residence» in Ernen. Wie kam es dazu, dass ein Brite zum Komponieren nach Ernen kommt?
«Im Juli 2019, also noch vor der Corona-Pandemie, erhielt ich völlig unerwartet eine Mail von Alasdair Beatson mit dem Betreff ‹möglicher Auftrag für Ernen›. So nahm die Geschichte seinen Lauf.»

Und Sie haben wohl nicht lange gezögert, diesen Auftrag anzunehmen?
«In Grossbritannien konnte ich etwa in Manchester oder Cambridge schon einige Residenz-Programme absolvieren, bei denen ich aber meistens zu Hause übernachtete. Ins Ausland durfte ich für ein Residenz-Programm noch nie. Da musste ich tatsächlich nicht lange überlegen.»

Wie entstand der Kontakt zum Pianisten Alasdair Beatson, dem künstlerischen Leiter der Erner Kammermusik-plus-Wochen?
«Wir lernten uns kennen, da er als Solist mit der Britten Sinfonia an verschiedenen Konzerten eine Uraufführung des dänischen Komponisten Hans Abrahamsen spielte, bei denen auch ein Stück von mir aufgeführt wurde. Wir kamen nach den Konzerten ins Gespräch und die Chemie stimmte auf Anhieb.»

In diesem Sommer haben Sie schon ein wenig Festivalluft in Ernen schnuppern können. Wie ist Ihr Eindruck vom Musikdorf?
«Ernen ist einer der schönsten Orte, an dem ich mir überhaupt vorstellen kann, Zeit als Komponist zu verbringen. Nicht unwesentlich macht die Musik, die in Ernen gespielt wird, dieses Dorf zu etwas Unglaublichem. Was noch dazukommt: Die Qualität der Musiker ist gewaltig. Nach all den Coronaeinschränkungen fühlt es sich beinahe wie ein Wunder an, wieder das Land verlassen und reisen zu dürfen.»

Für die nächstjährige 49. Ausgabe des Festivals Musikdorf Ernen dürfen Sie ein Werk komponieren und sind dabei ziemlich frei was die Besetzung anbelangt. Für welche Instrumente werden Sie schreiben?
«Mir schwebt vor, ein Trio für Horn, Violine und Klavier zu komponieren. Gerade das Horn mit seinen Assoziationen zu Jagd und Bergen dünkt mich sehr stimmig für einen Ort wie Ernen. Und nach etlichen Orchesterwerken verspüre ich grosse Lust, Kammermusik für eine relativ klassische Besetzung zu schreiben.»

Der erste Schritt, das Finden der Besetzung, ist somit vollbracht. Wie geht nun der Kompositionsprozess weiter?
«Ich liebe es, mir in einem zweiten Schritt Ideen für den Beginn und das Ende eines Stückes auszudenken. Danach schreibe ich einfach diejenige Musik, die das Gegenteil von dem ist, was ich nicht mag (lacht). Momentan befinde ich mich noch in einem Anfangsstadium ohne Druck. Jede Idee, die mir einfällt, kann potenziell perfekt sein. Es ist wie ein idealistischer platonischer Zustand.»

Wieviel Zeit werden Sie im Musikdorf verbringen?
«Da ich ein sechs Monate altes Baby habe, werde ich nicht so viel Zeit im Musikdorf verbringen können, wie anfänglich geplant. Ich werde aber bestimmt noch drei Mal bis Ende Herbst nach Ernen reisen und möchte vor allem im Oktober einen längeren Aufenthalt machen.»

Wie sieht ein gewöhnlicher Tag für Sie in Ernen aus?
«Momentan komponiere ich sehr viel. In der Mittageszeit mache ich einen ausgiebigen Spaziergang und am Abend höre ich mir ein Konzert an. Es ist ein schlichtes, aber wunderschönes Leben, das ich hier führen kann.»

Das Interview führte Andreas Zurbriggen (Musikpublizist und Komponist)

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