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8.8.2020
Chamber concert

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Ein Hohelied auf die Kunst des Liedes

Sie brauchte nur ein paar Takte, eine Strophe vielleicht, dann hatte sie uns alle im Sack. Wenn die aparte Walliser Sopranistin Rachel Harnisch vor uns steht, im Paillettenkleid und nackten Füssen, und ihrer Stimme freien Lauf lässt, dann sind wir in ihrem Bann. Es gibt kein entrinnen.

Die international renommierte Sängerin beherrscht die Kunst des Liedes in all seinen Facetten, mal leise, mal kräftig, die hohen Töne oft mit einer Armbewegung unterstützend, immer im Liedtext verhangen, nie leer. Mal steht sie leicht hüfteschwingend vor uns, kokett, mal streng und bestimmt, weil es so gemeint ist. Und wenn sie sich mit dem Rücken an den Flügel lehnt, beide Arme ausgestreckt und sich am Klangkörper festhält, als würde sie an einer Bar stehen und die Szene beobachten, dann wissen wir, dass sie uns gleich verführen wird. Ihre Stimme, warm und voller Klangfarben, ist beeindruckend, ja, es kann schon mal zu Gänsehaut kommen – und ihr schauspielerisches Talent ist es auch.

Es sei seit fünf Monaten ihr erstes Konzert, in der St. Georg Kirche in Ernen. Die grosse Eingangstüre wollte sie weit offen haben – von der Bühne aus hatte sie den weiten Blick ins Tal hinunter. In einer kurzen Erklärung wies Rachel Harnisch auf die ungewöhnliche Situation hin, die ausserordentliche Handlungen nötig machten. Eigentlich war der Abend mit dem Charl du Plessis-Trio aus Südafrika geplant gewesen. Eine Ausreise war für die Musiker nicht möglich. Francesco Walter, der quirlige und dezidierte Intendant, hatte natürlich einige Plan B Optionen in seinem Köcher, mussten er doch rund 50 Prozent der Konzerte neu ordnen. So kam es, dass die Sopranistin mit ihrem Pianisten Jan Philip Schulze ein neues Programm auf die Füsse stellen musste, für Samstag und Sonntag. Und schon war wieder Flexibilität angesagt: Da Schulze im letzten Moment absagen musste, sprang der Schweizer Pianist Cédric Pescia ein. Was für ein Glücksfall. Die beiden Künstler hatten nur wenig Zeit zum Üben, aber das merkte wohl kein Mensch. Es war grossartig, was sie dem corona-disziplinierten und sehr aufmerksamen Publikum boten. Es werde eine Reise durch reale und fiktive Welten, durch Wunschträume und wahre Gefühle, durch Berg und Tal, vom Wallis über das Rheinland bis zu Mahler und ins Paradies, versprach die Sopranistin.

Und wie dieses Programm überzeugte: von Franz Schuberts «Der Hirt auf dem Felsen» zum Walliser Volkslied «Drunter im Gantertal», über Gustav Mahlers «Rheinlegendchen», «Verlorne Müh» und «Das himmliche Leben». Nicht fehlen durften «Summertime» von George Gershwin und «Les filles de Cadiz» von Léo Delibes, wo Harnisch zur stolzen Spanierin wurde. Und frenetischen Applaus erhielten auch Franz Lehars «Meine Lippen, sie küssen so heiss» und «Je ne t’aime pas» von Kurt Weill. Da gab es für Rachel Harnisch kein Halten mehr. Wenn sie am Schluss des Liedes vorne auf der Bühne steht, ins Publikum schaut und fest und eindeutig ihr «Je ne t’aime pas» in die Kirche schleudert, dann wird das Publikum zu dem Mann, dem diese Worte unmissverständlich gelten.

Und die Sahne aufs Häubchen war das Konzert am Sonntag, als noch der wunderbare Klarinettist Reto Bieri dazukam. Mit der «Ouverture suisse» – begleitet von Cédric Pescia – setzte er gleich den Massstab, auf was wir uns noch freuen konnten. Den Schluss machte dann «Dicitincello vuje», ein trauriges Lied aus Neapel von Rodolfo Falvo.

Und dann wäre noch dies: Francesco Walter kann sich glücklich schätzen, dass seine Vereins-Mitglieder des Musikdorfes so solidarisch sind. Es war ja wohl jedem Festivalbesucher klar, dass mit den platzmässigen Einschränkungen ein Loch in die Kasse gerissen wird. Es blieben nicht nur alle Sponsoren an Bord, es kamen auch 40’000.- Franken an zusätzlichen Spenden zusammen, was erlaubte, Musiker aus dem Ausland, die nicht auftreten konnten, zu unterstützen – so auch das Charl du Plessis-Trio, das eine 15minütige Probe nach Ernen schickte, als Dank, dass man sie nicht vergessen hat. Zu sehen ist dieses Kurzkonzert der drei begabten und in Ernen längst bekannten Musiker auf Youtube.

Ernen, 27. Juli 2020, Madeleine Hirsiger

Bilder: Frederike van der Straeten

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