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8.8.2020
Chamber concert

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Immer wieder anders, immer wieder neu ...

… das gilt für das Musikdorf Ernen und sein Festival genauso wie für die Biographie-Werkstatt, die seit elf Jahren einen festen Platz im Festivalprogramm hat. Wie ist es dazu gekommen? Wie schafft es Prof. Dr. Brigitte Boothe, auch mit der neunten Durchführung des Seminars unter ihrer Leitung bei den Teilnehmer*innen die Lust am Erzählen zu wecken?

Für Francesco Walter, den Intendanten des Musikdorfes Ernen, ist klar: Das Festival kann nur mit einem attraktiven Programm bestehen. Angebote, die das Programm künstlerisch bereichern, sind ihm willkommen, auch solche der visuellen Kunst und Literatur. Er erzählt, wie die Schreibseminare entstanden sind. Es ist die Geschichte zweier musikbegeisterter Freundinnen, der Geigerin Ada Pesch, die in Ernen den Meisterkurs des Pianisten György Sebök besuchte und heute das Opernhaus-Orchester Zürich leitet, und der Schriftstellerin Donna Leon, nicht nur Bestseller-Autorin, sondern auch Kennerin und Förderin von Barockmusik. Vermittelt durch Ada Pesch wollte Francesco Walter Donna Leon für die Einführungen der Barockkonzerte gewinnen. Anstelle der Einführungen schlug Donna Leon ein Schreibseminar vor, das aufgrund der Nachfrage schliesslich sogar doppelt geführt wurde. Schreiben und das eigene Leben – das gehörte für die in Ernen wohnhafte Psychoanalytikerin und Ethnologin Dr. Ursula Baumgardt zusammen, und so wurden die Seminare mit Donna Leon der Auslöser für einen weiteren Fixpunkt im Erner Festivalprogramm: die Biographie-Werkstatt, die seit 2012 von Prof. Dr. Brigitte Boothe gestaltet wird.

Jährlich im Juli findet sich nun eine Gruppe lebenserfahrener Menschen in Ernen ein, die unter Brigitte Boothes souveräner Leitung, Anleitung und Ermunterung schreibend und erzählend in ihre ganz eigene Geschichte eintauchen. Manche wollen die Woche nutzen, um mit einem persönlichen Projekt weiter zu kommen, zum Beispiel mit einem biographischen Buch, einer «Sommer-Trilogie», dem Festhalten der Geschichte und Geschichten von Vorfahren; es geht darum, vom Erinnern zum Schreiben zu kommen, von den formalen Berichten zur eigenen Erzählung, oder, wie es eine Teilnehmerin formuliert: «Den Spuren des Lebens auf meiner Haut nachzuspüren». Einige haben schon mehrmals mitgemacht, sie freuen sich auf das, was kommen wird. Eine von ihnen meint: «Das Seminar ist für mich der Auftakt zum vollkommenen Erner Sommer.» Und eine andere ergänzt: «Es ist mein Kreativitätspool.» Wer zum ersten Mal da ist, fragt sich: wird es um Biographisches gehen, oder ums Schreiben? Auf jeden Fall gibt es viele Gründe, zum Seminar anzureisen. Es ist eine perfekte Kombination, das höre ich immer wieder in meinen Gesprächen mit den Teilnehmer*innen, die wunderbare Landschaft, die Natur, die stimmungsvollen, meisterhaften Konzerte in der St. Georg-Kirche. «Ernen öffnet alle Poren», sagt jemand, «es macht aufnahmebereit, und bereit, in sich zu gehen.»

Brigitte Boothe klärt gleich zu Beginn, und so steht es in den Folien, welche sie uns Teilnehmer*innen zur Verfügung stellt: ihr Angebot ist eine Biographie- und Erzähl- und Schreibwerkstatt. Brigitte Boothe befasst sich mit dem Erzählen, damit kommt ihr breiter wissenschaftlicher Hintergrund als Literaturwissenschafterin und Psychoanalytikerin zum Tragen. Woher hat sie die Energie, nimmt sie den Mut, sich immer wieder auf das Seminar einzulassen? Auf diese Frage gibt es verschiedene Antworten. Brigitte Boothe verpflichtet sich jeweils neu, sie entscheidet jedes Jahr, ob sie das Seminar im Folgejahr anbieten will. Die Nachfrage ist gegeben, doch ihre ganz persönliche Motivation schöpft sie aus der Freude darüber, was in all‘ den Jahren entstanden ist, jedes Mal entsteht. Das Seminar ist eine Herausforderung, manchmal zählen die Gruppen über zwanzig Teilnehmer*innen, und es kommen Menschen mit ganz unterschiedlichen Erfahrungen und Schreibbiographien zusammen. So gilt es, sich immer wieder anzupassen, auch zu improvisieren. Das Seminar wird Teil von Brigitte Boothes eigener Biographie und Lebenserfahrung, deshalb wird jedes Mal etwas anderes daraus, sie selber verändert sich. Brigitte Boothe ist fasziniert vom Erzählen, es ist suggestiv, affirmativ, nicht kritisch, die Erzählung kann alles: Träume wiedergeben, Märchen erfinden, Lebenserinnerungen wecken, Grenzerfahrungen beschreiben, … Brigitte Boothe wünscht, dass sich die Teilnehmer*innen noch vermehrt untereinander austauschen, weil da so viel Wissen und Erlebtes ist, es sind Erfahrungsschätze, die neue Welten eröffnen, wenn sie gehoben werden.

Gekonnt führt Brigitte Boothe die Gruppe durch das ganze Leben. Frühe Kindheitserinnerungen wecken alte Bilder – Knaben im Winter mit kurzen Hosen und Strümpfen, in Schneewechten bis zum Bauch versinkend, die Sparbüchse, aus deren engem Schlitz sich kein Rappen mehr herausklauben lässt für den Bazooka-Kaugummi, und Déjà-vus – ja genau, als wir Kinder waren, haben wir uns manchmal gelangweilt, heute rennt uns die Zeit davon.

Wir werden an die dreigeteilten Klappbücher erinnert, in denen aus einem Tier viele werden, ein Krogufant zum Beispiel. Jeder und jede von uns ist viele: mal die im Spiegel, mit den roten Haaren und den Falten im Gesicht, die Ehefrau, vierfache Schwiegermutter, vierfache Grossmutter und Winzerin … ich bin die, die ich war, und die, die ich heute bin … eine schimpfende Alte, oder eine spendable Tante. Ich bin die, die den Tod ankeift, abhauen soll er, mir nicht die beste Freundin nehmen. Oder der, der das Hier und Jetzt geniesst, im fremden Land, im abgelegenen Dorf, wo er auf unbestimmte Zeit festsitzt. Und ich bin auch die, die einem guten Freund erklärt, wie schwer ich mich tue mit anstehenden Entscheidungen: soll ich bleiben oder gehen, bin ich bereit, vieles zurückzulassen und noch einmal anzuknüpfen an frühere Zeiten?

Verzaubert verlassen wir den Seminarraum. Wir sind nicht erstickt in dem mit Papier zum Bersten angefüllten Zimmer, das eine Teilnehmerin im Traum und uns in ihrer Erzählung bedrängte, wir haben die Lichter der fernen Stadt ganz neu gesehen, in einer nächtlichen Betrachtung, die wir gehört haben, wir waren dabei, beim Kofferpacken, das immer wieder Kopfzerbrechen bereitet, weil es Vorbereitung auf eine unbekannte Situation bedeutet. Mit wachen Sinnen treten wir hinaus, in die sommerliche Fülle der Erner Gärten.

Ob es dieses Jahr eine besonders kreative und harmonische Gruppe war? Die Schlussrunde ist überaus positiv. Brigitte Boothes kompetente Führung wird hervorgehoben, wie eine Theaterregisseurin habe sie Erzählstränge zusammengeführt und zusammengehalten, den einzelnen Beiträgen ihre besondere Bedeutung gegeben. Ihre würdigende, unterstützende Zugewandtheit und Präsenz waren wichtig, für jeden und jede. Alle haben profitiert von ihren profunden Literaturkenntnissen, die sie so grosszügig teilt, und ihren wertschätzenden Einordnungen. Kurz: Eine beglückende, bereichernde, nicht zuletzt auch unterhaltsame Woche mit Tiefgang.

Die Teilnehmer*innen freuen sich, dass Brigitte Boothe das Seminar nächstes Jahr wieder anbieten wird. Einige werden sich gleich anmelden und diesen unverpassbaren Termin in der zum Glück noch nicht überfüllten Agenda 2021 vormerken.

Ernen und Zürich, 20. Juli 2020, Regula Bäbler (Kursteilnehmerin)

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