Back to overview

Literarische Grenzüberschreitungen oder eine Hommage an Madame Nielsen und ihren endlosen Sommer

Das Festival Musikdorf Ernen, ein Musikfestival, das alljährlich im Walliser Bergdorf Ernen, inmitten idyllischer Natur, besonders aber in seinem geschichtsträchtigen Dorfbild,

welches geprägt ist von vielen alten Holzhäusern, die teilweise ins 15. Jahrhundert zurückreichen und damit eine Verbindung zu einer mitunter ganz fremden Welt, die so fern scheint, und eigentlich doch so nah ist, herstellen, das Dorfbild, das quer steht zu einer modernen, ja post- oder post-postmodernen Gesellschaft, die von den Querverbindungen zwischen alt und neu, zwischen Tradition, Moderne und Post- oder Post-Postmoderne geprägt ist, ja das Dorfbild und die darin lebende Gesellschaft sind ein idealer Rahmen für das Musikfestival, das alljährlich stattfindet und das auch ein Literaturfestival beinhaltet, ein kurzes kompaktes Queerlesen, welches alljährlich drei queere Texte präsentiert, aus denen gelesen wird und die von der erfahrenen Moderatorin, die zu jeder neuen Gesprächspartnerin und jedem neuen Gesprächspartner und auch zu deren Texte einen sensiblen Zugang findet, eine adäquate Art der Gesprächsführung wählt, die Texte, die von ebendieser Moderatorin und den Autorinnen und Autoren diskutiert werden, im von Wärme und Menschen ausgefüllten Saal, in dem die unterschiedlichsten Menschen Platz gefunden haben, denn queere Literatur ist nicht nur für queere Menschen, was übrigens konkret diskutiert wurde von der Moderatorin und dem Autor von Opoe, dem Erstlingsroman, der die Geschichte einer – oder vielleicht seiner – Grossmutter, deren Rufname „Opoe“ war, was holländisch ist und „Opu“ ausgesprochen wird, der gleichnamige Roman also, der diese Geschichte der Grossmutter, die als junge Frau nach dem Krieg in die Schweiz gekommen war und ihren Platz in diesem neuen, fremden Land nie wirklich gefunden hat, mit derjenigen verbindet des Enkels, der den gleichen Vornamen wie der Autor trägt und der anhand seiner Suche nach der Geschichte der Grossmutter auch seine eigene Geschichte erzählt, oder jedenfalls eine Geschichte, die mit ihm zu tun hat, denn als Autor ist es ihm wichtig, dass ein Roman „etwas mit seinem Autor zu tun hat“, der Autor, der also mit der Moderatorin diskutiert hat, was denn eigentlich queere Literatur ist, was alles queere Literatur ist und dass unserem Sprachraum queere Literatur noch immer lediglich ein Nischendasein fristet, ein Umstand der mit dem konservativen Literaturbetrieb zusammenhängen mag, wobei queere Literatur nicht nur für queere Menschen interessant ist, nein, die Fragen nach Geschlechteridentitäten, nach Körper, Sexualität und sexueller Orientierung, nach Beziehungsformen, nach gesellschaftlichen Minderheiten und deren Marginalisierung oder gar Stigmatisierung, erscheinen im 21. Jahrhundert durchaus auch nicht-queeren Menschen relevant.

Relevant, ja sogar essenziell für die vermeintlich und endlich aufgeklärte, egalitäre Gesellschaft des 21. Jahrhunderts, deren post- und post-postmoderne Diskurse sich von der Vorstellung von Aufklärung, von Rationalität und Egalität verabschiedet haben, scheint es, dass eine andere Geschichte auch erzählt wird, die Geschichte des Grossvaters, des Mannes, der mit 32 Jahren Grossvater wurde, mit 16 Jahren Vater wurde, mit 14 Jahren verheiratet wurde, der als schwuler Mann in der zutiefst patriarchalen Roma-Community doppelt diskriminiert, ja stigmatisiert ist, oder war, die Geschichte dieses Mannes, der seine Geschichte, die so voller Leid und Gewalt ist, nicht selbst, sondern von einer gestandenen Autorin schreiben liess, er, der aber selbst zum Lesen angereist ist, dem es sichtbar nahe geht, davon zu erzählen, wie er in einer Gesellschaft voller männlicher Gewalt sozialisiert oder asozialisiert wurde, und wie er einmal – nur einmal – seine Frau geschlagen hatte, vor seinen Kindern, dem Mann, der nichts anderes mehr zu bereuen scheint als dieses eine Mal, in dem er für einmal nicht anders war als die anderen Männer seiner Community, die in deren bewegten Geschichte immer die Anderen waren, die Ungewünschten, Vertriebenen, der junge Mann aber war innerhalb der eigenen Gruppe, innerhalb der Anderen war er der Andere, dessen Homosexualität in den Augen der anderen alle überkommenen, das Gefüge der Gruppe konstituierenden, patriarchalen Machtstrukturen infrage stellte, so war dies Grund dafür, dass der junge Mann, bereits Vater von zwei Kindern, einem Jungen und einem Mädchen, mit denen er heute wieder ein sehr enges Verhältnis hat, aus der Community aussteigen musste, und dessen Geschichte erzählt werden muss, denn er, der angesichts der Geschichte seiner Kindheit und Jugend so ungewöhnlich positiv in die Welt hinein blickt und der, was auch nicht einfach gewesen sein mag, nach allem was passiert war, wieder Vertrauen zu anderen Menschen finden konnte, er hatte eine Kernaussage, die so simpel wie zeitlos wahr scheint, dass sie das erlebte Leid in den Hintergrund zu schieben vermag und die es weiterzutragen gilt, nämlich seine Überzeugung, Einsicht oder Aussage, dass es das Vertrauen ist, was den Menschen ausmache.

Diese zehnte Ausgabe des Literaturfestivals Queerlesen erlebte ihren literarischen Höhepunkt, ohne hier die anderen beiden Texte verbleichen lassen zu wollen, haben sie doch auch einen individuell authentischen Ausdruck gefunden, in Madame Nielsens Roman Der endlose Sommer, von dessen kunstfertiger Sprache sich der Autor des hier vorliegenden Beitrags inspirieren liess, ja auf jene Sprache ebendieser Text eine Hommage zu sein versucht. Madame Nielsen, die von vielen zuerst oder besonders als Perfomance-Künstlerin gesehen wird, die ihre männliche Identität, Claus Beck-Nielsen, in einer Performance sterben und beerdigen liess und sich seither als Madame Nielsen durch die Welt bewegt, sie möchte sich nicht als Künstlerin, Autorin oder dergleichen definieren lassen, denn wie sie sagt, ist sie auch Fahrradfahrerin, nämlich wenn sie Fahrrad fährt, sie ist nur Performance-Künstlerin wenn sie performt, nur Autorin wenn sie schreibt, sie ist Sprecherin wenn sie spricht und so weiter, sie ist, ja vielleicht ist sie, aber sie ist nicht greifbar, und ebenso entspinnt sie in Der endlose Sommer eine flirrende Geschichte eines scheinbar endlosen Sommers, eine Geschichte über Liebe und über gesellschaftliche Normen und über Identität und über noch so viel mehr, und darin findet sie auch die entsprechende Sprache, diese kunstfertige Sprache, die rhythmisch fliesst und es vermag, Sprachebenen und Handlungsebenen über-, in- und durcheinander auftreten und wieder verschwinden zu lassen, und so kreiert sie Sätze, die sich mitunter über mehrere Seiten erstrecken, als wolle sie mit einem einzigen Lassowurf eine ganze Welt einfangen, diese Sätze, die Welten erschaffen und in einer wunderschönen Sphäre am Rand der Möglichkeiten von Sprache, Gedanken und Träumen wieder entschwinden.

NB: All jenen, die Madame Nielsens Roman Der endlose Sommer noch nicht gelesen haben, sei dies wärmstens ans Herz gelegt. Die Lektüre wird die syntaktische Beschaffenheit – die ungewöhnlich spärliche Punktierung – dieses Blogeintrags als Hommage an Madame Nielsen zu erkennen geben.

Ernen, Montag, 22. Juli 2019, von Jonathan Inniger

Das kurze Literaturfestival „Queerlesen“ fand am 20./21. Juli 2019 zum zehnten Mal im Rahmen des Festivals Musikdorf Ernen statt. In drei von der erfahrenen Talkmasterin Bettina Böttinger moderierten Lesungen werden Autor*innen und ihre Texte präsentiert, die durch den Begriff „queere Literatur“ verbunden sind. Das Kurzfestival versteht sich nicht etwa als Insider-Veranstaltung, sondern als Beitrag zum aktuellen Diskurs über Sexualität und Geschlechteridentitäten. Das nächste Queerlesen findet am 25./26. Juli 2020 statt.

Weitere Infos zu Madame Nielsen lesen Sie hier im WB-Interview vom 24. Juli 2019.

Share: