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8.8.2020
Chamber concert

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Ludwig war da!

Man hatte ihn ursprünglich nicht eingeladen. Nicht etwa, weil man ihn nicht mag – im Gegenteil. Er gehört zu den faszinierendsten, überraschendsten und komplexesten Komponisten seiner Zeit – oder überhaupt. Aber seinen 250igsten Geburtstag wollte man hier in Ernen nicht unbedingt feiern – weil es wohl – mehr oder weniger – die ganze klassische Musikwelt in diesem Jahr tut.

Aber dann ist er eben doch gekommen, hat gefunden, so einfach würde er es nicht stehen lassen. Luzifer Corona hat ihm dabei geholfen, denn durch seine Existenz kam das ganze Programm im Musikdorf durcheinander und man war dann doch sehr froh, dass Ludwig nicht allzu gekränkt war und trotzdem auf den Berg stieg. Denn Luzifer Corona hatte ihn dazu aufgefordert: Geh Du dort hinauf, für mich lohnt es sich nicht, dort ist nichts zu holen, die sind ja alle so anständig, halten Abstand und tragen sogar Masken.

Da hat Ludwig sich natürlich ein bisschen ins Fäustchen gelacht – und gedacht: Denen werde ich es zeigen!

Alle, die die überraschenden, spannenden, vielfältigen Konzerte im Programm «Kammermusik plus» verpasst haben, sind zu bedauern. Und was uns Beethoven geliefert hat, das heisst, was Alasdair Beatson und Paolo Giacometti, die beiden Meisterpianisten, zusammengestellt haben, war schlicht genial. Die beiden waren die künstlerischen Leiter dieser Sektion, sie haben die Stücke ausgewählt und auch die Musiker und Musikerinnen dazu verpflichtet.

Ausgenommen von einem Liederabend, sogar in die Jazzimprovisationen von Maurice Imhof hat er sich eingeschlichen. Das hat ihn natürlich gefreut, er hat ja auch nichts anderes erwartet.

Was für ein Ohrenschmaus, ob Zwölf Variationen über ein Thema aus dem Oratorium ,Judas Maccabäus’ von Händel, das Geistertrio, ausgewählte Stücke Aus den Liedern verschiedener Völker – es soll an die 400 davon geben -, die Zehn Variationen über das Lied «Ich bin der Schneider Kakadu» bis hin zum Harfenquartett für vier Streicher – in diesem Fall für vier Streicherinnen! – über die Serenade D-Dur bis hin zum Gassenhauer-Trio, es war jedes Mal überwältigend. Was für eine reichhaltige musikalische Palette wurde uns da geboten.

Keine Worte findet man, wenn es um die fünf Streicherinnen Maria Włoszczowska, Lilli Maijala, Esther Hoppe, Chiara Enderle Samatanga und Suyeon Kang geht. Sie treiben es mit ihrem Können nicht nur auf die Spitze, sie sind auch eine Augenweide. Wunderbare Roben und dazu passende Schuhe, als wäre man bei Königs zu Gast. Das sind dann die schönen Unterschiede zum Hören einer CD. Ein Live-Konzert überbietet alles. Die Herren stehen ihnen musikalisch in nichts nach, die Augenweide ist einfach ein bisschen bescheidener.

Zu bedenken ist, dass es in Ernen keine bestehenden Formationen gibt, die meisten Musikerinnen und Musiker treffen sich jeweils erst im Musikdorf, um gemeinsam zu proben. Viele waren schon mehrmals hier, denn das Musikdorf ist begehrt, und wenn man wieder eingeladen wird, gibt es kein Zögern. Wegen der Pandemie waren nur 12 Musikerinnen und Musiker anwesend und die hatten in diesem Jahr einiges zu tun. Jeden Abend war ein reich befrachtetes und anspruchsvolles Programm zu bewältigen. Und wie sie das mit Leichtigkeit und grosser Spielfreude machten! Dazu gehört auch der Bariton Thomas Oliemans aus Holland, der uns mit seiner warmen und variantenreichen Stimme verwöhnte. Er eröffnete den Reigen mit Franz Schuberts Die schöne Müllerin, begleitet wurde er von Paolo Giacometti. Er war bereits zum zweiten Mail Mal in Ernen, mit sichtlicher Freude und Wohlbefinden. Er umgarnte uns mit dem Liederzyklus Let Us Garlands Bring von Gerald Finzi mit Texten nach William Shakespeare, mit Robert Schumanns Sechs Gesänge von Wilfried von der Neun und den Schluss bildeten Gustav Mahlers Rückert-Lieder mit Streichquartett.

«Ernen ist für mich Sauerstoff», meint Paolo Giacometti, der seit Jahren ins Bergdorf kommt und für seinen Kollegen Alasdair Beatson ist Ernen die grosse Freude des ganzen Jahres. Er warte jeweils ungeduldig darauf. Was will man da noch beifügen.

Ernen, 14. August 2020, Madeleine Hirsiger

Bilder: Frederike van der Stræten

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