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Reise zu unerhörten Klängen

Raketenartige Klavierläufe, Klänge wie aus einem Raumschiff und eine Liszt'sche Klangbändigerin – die Klavierwoche am Musikdorf Ernen war voller überragender Momente.

Jesus muss ein Jazzer gewesen sein. Einen anderen Schluss liess Tae-Hyung Kims äusserst groovige Interpretation eines Teils von Olivier Messieans Vingt regards sur l'enfant-Jésus bei seinem Klavierrezital kaum zu. Pulsierende Rhythmen, welche Messieans Schülerin und Muse in Personalunion, Yvonne Loriod, bezeichnenderweise als raketenartige Läufe bezeichnete, brachten die Erner Kirche St. Georg beinahe zum Abheben.

Erner Jazz Festival sozusagen. Und dies ausgerechnet bei einem religiös inspirierten Werk, das einen andächtigen Titel trägt. Olivier Messiaen wirkte an diesem Abend als Mystiker nach – mit aussergewöhnlichen Visionen.

Die Stimmung während der Klavierwoche der 48. Ausgabe des Festivals Musikdorf Ernen war schlicht euphorisch. Ein Höhepunkt jagte den nächsten. An vier Klavierrezitals liessen sich eine Pianistin und drei Pianisten – alle von erlesener Musikalität und Virtuosität – geniessen, studieren und bewundern. Ernen atmete Welt dieser Tage.

An beinahe jedem Abend wurde einem während einer Woche quasi auf dem Serviertablett eine neue Persönlichkeit präsentiert, die sich am warm klingenden Bösendorfer-Flügel über anderthalb Stunden ausgiebig studieren liess.

Da war Jean-Sélim Abdelmoula, einstiges Wunderkind und nun, mit 30 Jahren, gefeierter Pianist, Komponist und Protegé von Sir András Schiff. Man erlebte erhabene Momente, als Abdelmoula die für Schubert so typischen «endlosen Längen» in der Sonate B-Dur D 960 sensibel und poetisch auskostete, ebenso während er sich mühelos durch Schumanns gewichtige Fantasie C-Dur op. 17 hindurchzauberte.

Tae-Hyung Kim konnte man zwar schon vor zwei Jahren als fabelhaften Kammermusikpartner am Festival Musikdorf Ernen erleben, als Solopianist manövrierte er jedoch für viele unterhalb ihres Radars. Umso überwältigender war die Stimmung bei dem Klangzauber, den er an seinem Klavierrezital vollführte.

Er entpuppte sich als Alchemist der Klänge, der mit überlegener pianistischer Meisterschaft aus Schubert'schem und Schumann'schem Flügelhämmerchengezupfe akustisches Gold herzustellen weiss.

Der erst 25-jährige Sergey Tanin überwältige schon in den vergangenen Jahren das Erner Konzertpublikum. Daher war bei seinem Rezital schon vor dem ersten Ton klar, dass ein Feuerwerk an Brillanz und musikalische Einfühlungsvermögen auf die Zuhörerinnen und Zuhörer in den nächsten 90 Minuten einprasseln wird. Und plötzlich fing sogar der Flügel zu singen an.

Tanin liess beim Werk Noodivihik (1992) des diesjährigen «composer in residence» Thomas Larcher den Flügel Klänge und Töne hervorbringen, wie man sie selbst in Neuer Musik selten in solch puristischer Schönheit zu Gehör bekommt. Diese waren sinnlich und futuristisch zugleich. Waren Messieans Klavierläufe raketenartig, waren Larchers Klavierklänge raumschiffartig schön.

Mit welcher Vollendung Tanin die Werke der grossen Meister aus Barock, Klassik und Romantik zu spielen vermag, ist spätestens seit der Ausstrahlung von Helen Stehlis Dokumentarfilm «Sergey Tanin – der Pianist, der aus der Kälte kam» auf SRF im vergangenen Herbst auch einem grösseren Musik-affinen Publikum in der Schweiz ins Bewusstsein gerückt.

Als eine Heraus- und oftmals Überforderung kann sich die Klaviermusik Franz Liszts entpuppen. Sie schwingt sich passagenweise in martialischer Manier zu unerreichbaren Höhen empor, bevor sie wenige Takte später zu einer simplen unisono-Linie zusammenfällt.

Liszts Klaviermusik liesse sich als mystisches Himmelswesen imaginieren, das sich in permanenter Verwandlung befindet – einmal als unscheinbarer, aber schöner bunt leuchtender Schmetterling, im nächsten Moment schon als feuerspeiender Drache.

Der heilige Georg, der wohl berühmteste Drachentöter der Geschichte und zugleich Schutzpatron der Erner Kirche, eilte am letzten Abend der Klavierwoche, der gekennzeichnet war durch eine Fülle von Liszt'scher Klaviermusik, nicht zu Hilfe. Da brauchte es schon eine überaus talentierte Walliser Pianistin, die dieses mystische Himmelswesen zu bändigen wusste.

Beatrice Berrut gelang die Bändigung dieser Klangmetamorphosen auf eine eindrücklich überzeugende Weise. Sie phrasierte mit Herz und Hirn, bündelte ihre Energieschübe, lenkte sie in die richtigen Bahnen und zauberte dann anstatt der angekündigten h-Moll-Sonate von Liszt eine selten gehörte Entdeckung von Liszt aus dem Hut: Drei Trauer-Oden.

Wie man weiss, ist das Festival Musikdorf Ernen nie um eine Überraschung verlegen.

Saas-Fee, 18. Juli 2021, Andreas Zurbriggen (Musikpublizist und Komponist)

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