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Schluss mit kultureller Askese!

Mit sieben fulminanten Startsalven begann am ersten Juliwochenende die 48. Konzertsaison 2021 im Musikdorf Ernen. An drei aufeinanderfolgenden Tagen spielten das Rolston String Quartet mit dem Pianisten Dasol Kim sieben wuchtige Konzerte, deren intensiver Hörgenuss noch lange nachzuhallen vermag.

Oh, mit welcher Wohltat dieser versöhnliche Beginn des Es-Dur-Streichquartetts von Joseph Haydn einen all die kulturellen Entbehrungen des vergangenen Jahres vergessen lässt: Ein monatelanger, nicht enden wollender Lockdown, eine Musik- und Kulturszene, die auf äusserster Sparflamme gehalten wurde. Wer kein geborener Stoiker ist, litt in den letzten Monaten gewaltig.

Wie ein gestrandeter Wal sehnte ich mir daher das «Kammermusik kompakt»-Wochenende mit seinen nährenden Wellen schöner Kammermusikklänge herbei. Der wunderbar lyrische Beginn des Haydn-Streichquartetts in Es-Dur op. 64 Nr. 6, in sattem rundem Tonfall vom Rolston String Quartet interpretiert, war die optimale Labung, nach der man sich wohlgenährt auf weitere musikalische Erkundungstouren einlassen konnte.

Das 2013 in Kanada gegründete Rolston String Quartet, das sich in den renommierten Konzertsälen der Welt einen vorzüglichen Ruf erspielte, hatte denn auch schon im ersten Konzert einen musikalischen Rundgang durch die Anden mit im Gepäck, komponiert von der US-Amerikanerin Gabriela Lena Frank (*1972). Das sechssätzige Werk Leyendas: An Andean Walkabout aus dem Jahr 2001 entführt die Zuhörerinnen und Zuhörer zu Plätzen indigen südamerikanischer Musik, welche die Komponistin in faszinierende Klangwelten zu sublimieren weiss.

Die einzelnen Stimmungen fing das Rolston String Quartet mit viel Sensibilität in den fragilen, aber auch mit dem nötigen Drive in den suggestiv vorwärtstreibenden Passagen ein – Musik als Gefühlskarussell, passend zur Verlängerung des EM-Viertelfinals Schweiz-Spanien, das in denselben Minuten zu seinem fatalen Ende kam.

Schon im vergangenen Sommer sollte das Rolston String Quartet nach Ernen anreisen, musste dann aber pandemiebedingt in Kanada verweilen. In diesem Jahr klappte es nun endlich. Was für ein Glück für die Konzertbesucherinnen und Konzertbesucher in der Kirche St. Georg in Ernen! Das Quartett spielte nämlich über alle sieben Konzerte hinweg in jugendlicher Frische auf allerhöchstem musikalischem Niveau. Was besonders erstaunte: Der Cellist Ari Evan konzertierte in Ernen zum allerersten Mal als Part des Quartetts, wobei bei der Homogenität des Klangkörpers absolut keine Abstriche gemacht werden mussten.

Mit dem nötigen Fingerspitzengefühl fügte sich der Pianist Dasol Kim in César Francks Klavierquintett f-Moll FWV 7 ins Klanggemisch der Violinisten Luri Lee und Jason Issokson, des Bratschisten Hezekiah Leung und des Cellisten Ari Evan ein. Noch immer trägt Dasol Kim seine «Lockdown-Frisur» mit Pferdeschwanz, was ihm einen Hauch Rockstar-Attitüde verleiht. Grobschlächtig kommt bei ihm jedoch nichts daher. Dasol Kim spielt mit einer Eleganz und Überlegenheit, mit denen er César Francks musikalisch schlichten Augenblicken eine erhabene Schönheit einzuflössen und die Zuhörerinnen und Zuhörer in Traumgefilde zu entführen vermochte.

Satt und mit grosser Vorfreude auf weitere musikalische und interpretatorische Entdeckungen verliess man am ersten Abend den Konzertort und wurde bei der Rückkehr an den beiden darauffolgenden Tagen in keinem einzigen Moment der weiteren sechs Konzerte enttäuscht. Welch Energieschübe das Rolston String Quartet etwa in Schostakowitschs achtem Streichquartett in c-Moll durch die Kirche sausen liessen – das war ein Hochgenuss der Sonderklasse. Und wie stimmungsvoll dem Quartett gelang, der langsame Satz aus Beethovens Streichquartett F-Dur op. 51 Nr. 1 zu einer beinahe transzendentalen Offenbarung werden zu lassen – davon wird man noch lange zehren.

Wer sich dann in Edvard Griegs mit volksmusikalischen Einsprengseln durchwobenen Streichquartett in g-Moll einen bedächtigen musikalischen Spaziergang durch einen norwegischen Tannenwald erhoffte, bei dem man sich kurz zurücklehnen und innig lauschen kann, wurde bald eines Besseren belehrt. Die Musik sprang und wand sich, als ob der heilige Georg, Schutzpatron der Erner Kirche, auf seinem Drachentötungsmanöver unterstützt werden müsste.

Welch Qualitäten von hoher Musikalität und instrumentalem Feinschliff die Quartettmitglieder auch als Solisten vorzuweisen haben, bewies am sonntagmorgendlichen Konzert die Violinistin Luri Lee mit einer berührenden Interpretation von Clara Schumanns Drei Romanzen für Violine und Klavier op. 22, am Nachmittag dann der Cellist Ari Evan mit der Sonate für Violoncello und Klavier L 135 von Claude Debussy, deren leidenschaftliche Ausbrüche von ihm eindrucksvoll gebündelt wurden. Auch hier wiederum zeigte Dasol Kim, wie viel Einfühlungsvermögen er als Kammermusikpartner an den Tag legt und dass er nicht von ungefähr zu den meistbeachteten und aufregendsten Pianisten seiner Generation gezählt werden kann.

Die musikalische Einöde der letzten Monate nahm mit dem Startwochenende des Festivals Musikdorf Ernen definitiv ihr Ende. Der kulturelle Boden ist nun wohlgedüngt. Daraus werden dem endlosen Erner Musiksommer noch mannigfaltige und entdeckungswürdige Pflanzen entspringen.

Ernen, 5. Juli 2021, Andreas Zurbriggen (Musikpublizist und Komponist)

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