Livestream

8.8.2020
Chamber concert

Link
Back to overview

SMArt! Was Kunst kann…

«Ein anderes Leben». Gedankliche Streifzüge über Photographie, Kulturkritik und Bergregionen.

Photographie als Kunstdisziplin hat es vielleicht am einfachsten, einen kulturkritischen Anspruch an Kunst einzulösen. Ein scharfsinniger Blick, ein treffsicherer Klick und schon entsteht ein Bild, das mehr sagt als tausend Worte. Gute Photographien können die Welt radikal in Frage stellen – direkter als jede andere Kunstdisziplin, denn es sind oft direkte Abbilder der Realität – wenigstens eines vergangenen Ausschnitts davon. Gleichzeitig kreieren Photographien als Kunstwerke wiederum eine neue Realität, wenn sie bei der Betrachterin und beim Betrachter neue Gedanken und davon ausgehend möglicherweise auch Handlungen auslösen. Diese Kraft machte sich die ‘engagierte Kunst’ zu Nutze. Sie erhob den Anspruch, Kunstwerke müssten politisch-gesellschaftliche Veränderungen anstossen, oder dies wenigstens versuchen. Diese Kunstauffassung prägte einen grossen Teil der (europäischen) Nachkriegszeit der 1950er und -60er Jahre, als einzige Möglichkeit, nach dem Grauen des Holocausts und des Zweiten Weltkrieges, überhaupt noch Kunst zu machen. Das Verdikt Adornos, nach Ausschwitz ein Gedicht zu schreiben, sei barbarisch, konnte auf alle Kunstdisziplinen übertragen und kontrovers diskutiert werden. Längst vergessen?! Heute im 21. Jahrhundert scheint ein immenser Pluralismus der gegensätzlichsten Kunstbegriffe die logische oder natürliche Konsequenz der freiheitlich-individualistischen Gesellschaftsmaxime zu sein. Die Wertschätzung von Vieldeutigkeit und mannigfaltigen Interpretationsmöglichkeiten geht damit einher. Der kulturkritische Ansatz ist keineswegs (mehr) ein allgemeingültiges Kriterium für Kunst.

Was Photographien von den meisten Kunstwerke unserer Zeit trennt, ist der Umstand, dass sie die optisch erfahrbare Welt ziemlich realitätsgetreu wiedergeben können. Die Welt wird lediglich durch die objektiven Filter der Maschine, nicht etwa durch subjektive, menschliche Filter manipuliert. So kann dem Medium eine gewisse künstlerische Zurückhaltung nachgesagt werden. Man könnte meinen, dass gerade in Zeiten von Fake News und ‘alternative Facts’ diese schlichte Ehrlichkeit der Photographie auch eine ganz neue Relevanz haben könnte, weil sie das Bedürfnis nach einer vermeintlich objektiven Realität befriedigen könne. Unsinn!! Die Geschichte der Photographie ist gleichzeitig die Geschichte von manipulierten, gestellten Realitäten – im Zeitalter von Photoshop sowieso. Es verwundert daher nicht, dass sich gerade Photographinnen und Photographen oft in Zurückhaltung üben, sich lediglich als Beobachtende, nicht als Kritikerinnen und Kritiker bezeichnen. Sie sind sich des fragilen Gleichgewichts zwischen Ausdrucksstärke und Aussagekraft einerseits, sowie Glaubwürdigkeit und Echtheit andererseits bewusst.

Im Musikdorf Ernen, im Kaplaneihaus zwischen dem Festivalbüro und der Kirche St. Georg werden in diesem Sommer Photographien gezeigt, die gleichwohl zurückhaltend sind, starke Geschichten erzählen jedoch ebenso Anlass zu kulturkritischen Gedanken bieten. Unter dem Eindruck der Corona-Krise hat die Kuratorin Luzia Carlen van den Hoek die Ausstellung «Ein anderes Leben» gestaltet, welche das Verhältnis von Mensch und Natur, sowie die Migrationsthematik aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet. Die Werke stammen von Photographinnen und Photographen, die in den vergangenen Jahren im Rahmen des SMArt-Programms (Sustainable Mountain Art) ihren Blick und ihre Kamera auf Schweizer Bergregionen, insbesondere den Kanton Wallis gerichtet haben.

Bergregionen weisen ein facettenreiches Verhältnis zwischen den Menschen und der Natur auf. Die Photographien der Peruanerin Liz Taza zeigen die mystische Erhabenheit der alpinen Bergwelt. In ihren ausdrucksstarken Bildern gehen Furcht und Faszination Hand in Hand. Das Gewaltsame der Natur lässt uns Menschen erzittern. Wir fühlen uns angezogen, möchten die Natur erleben, und gleichzeitig geben wir den Sicherheitsabstand oder die Absicherung nur ungerne auf. So bauen wir Mauern und betrachten die Natur lieber hinter Glasscheiben, Absperrungen oder Leitplanken. Spätestens mit René Descartes breitete sich die Idee aus, Menschen könnten «Herrscher und Besitzer der Natur» sein. Etwa 250 Jahre später warnte Friedrich Engels jedoch, dass die Natur sich über jeden gegen sie errungenen Sieg an uns rächen wird. Letzteres scheint in Anbetracht des unaufhaltsamen Klimawandels mit all seinen verheerenden Folgen aktueller denn je. Die Bilder von Sharon Castellanos halten uns diesen Spiegel vor. Sie dokumentieren, wie wir unsere Blicke auf die Natur doch lieber geschützt von stählernen Aussichtsplattformen oder durch Glasscheiben werfen. Und wie wir glauben, den Kampf gegen die Natur mittels Plastiktücher, die wir auf Gletscher legen, gewinnen zu können. Ohne auch nur ein Wort zu verlieren, sprechen diese Fotos Bände.

Die Südafrikanerin Lavonne Bosman war bei ihrem SMArt-Aufenthalt in Graubünden unterwegs. Ihre Bilder zeigen Asylsuchende, die in einem Transitzentrum bei Arosa auf ihren Asylbescheid warten. Die berührenden Portraits erzählen stumme Geschichten. Sie erinnern uns daran, dass die portraitierten Menschen nur darauf warten, ‘ein anderes Leben’ leben zu dürfen. Sie verharren im verordneten Nichtstun. Vielleicht helfen uns die zwei Monate des coronabedingten Lockdowns, ihre desolate Lage nachvollziehen zu können. Und vielleicht führt dies sogar dazu, dass wir in Zukunft Entscheidungen treffen, damit das erhoffte, andere Leben schneller gefunden werden kann. Oder dass es gar nicht erst nötig sein wird. Die Photographin interessierte sich auch für das zum Teil noch sehr traditionelle Leben in den Bündner Walsersiedlungen. Die dort lebenden Menschen sind Nachfahren von Walliserinnen und Wallisern, die sich im 14. Jahrhundert auf der Suche nach einem besseren Leben im Graubünden niedergelassen haben. Wie viele Asylsuchende heute, waren auch sie Wirtschaftsflüchtlinge, die ‘ein anderes Leben’ gesucht haben. An gegenüberliegenden Wänden hängend, versinnbildlichen die Photographien die Parallelität der Migrationsgeschichten.

Ernen, 30. Juli 2020, von Jonathan Inniger

Die SMArt-Ausstellung «Ein anderes Leben» ist noch bis am 13. September im Kaplaneihaus Ernen zu sehen.
Öffnungszeiten jeweils 10.00–18.00 Uhr, an Konzerttagen bis 20.00 Uhr.
Link zur Webseite von SMArt

Share: