Back to overview

Vierzehn Arten den Regen zu beschreiben – ein musikalischer Einfall

Ja, der Regen. Der ständige Begleiter. Seit Wochen. Und wir werden ihn einfach nicht los. Wenn Regen fällt, können wir ihn sehen, aber vor allem hören wir ihn. Lauter oder leiser, je nach Stärke. Er prasselt auf Wellblechdächer, versinkt lautlos in der Erde, klatscht auf die Strasse oder mischt sich mit Brunnenwasser. Manchmal begleitet von Blitz, Donner oder Hagel. Aber eigentlich fällt er immer in der gleichen Tonlage.

Und wenn die Musikliebhabenden in dieser «Regenstimmung» in der Kirche St. Georg in Ernen erwartungsvoll auf den Holzbänken sitzen, hören sie vielleicht aufmerksamer zu, wenn sinnigerweise «Vierzehn Arten den Regen zu beschreiben» op. 70 von Hanns Eisler auf dem Programm steht.

In kurzen Sequenzen wird uns zu Ohren geführt, wie musikalischer Regen tönen kann: laut, schnell, lebendig, getragen, zwischendurch ein Feuerwerk, entstanden aus der Feder des Tausendsassas Hanns Eisler (1889–1962). Wegen seiner jüdischen Herkunft und kommunistischer Überzeugung emigrierte er in den 30er und 40er Jahren von Deutschland nach Mexiko und in die USA, ging aber nach dem Krieg wieder zurück – nach Ost-Berlin. Sein kompositorisches Werk ist riesig und neben unzähligen Musikstücken für die Bühne und den Film ist die Liste der Lieder endlos. Er war ein enger Weggefährte von Bertold Brecht.

Eisler hatte wohl seinen Spass, den Regen zu intonieren, ihn der Flöte, der Klarinette, den Streichern und dem Klavier zu übergeben. Und die Musikerinnen und Musiker hatten offensichtlich auch nichts dagegen, sich in den Dienst des Regens zu stellen und zeigten, was sie zu bieten haben. Ihre grauen und schwarzen Bekleidungen hätte man als Gewitterwolken interpretieren können, doch die abwechslungsreichen Sequenzen – und zwischendurch die gewaltige Stimme des Klaviers – brachten Farbe und Spannung ins Spiel. Nur die orangen Socken des Geigers Bogdan Božović, die an Ringelblumen in den Erner Gemüsegärten erinnerten, fielen angenehm aus dem Rahmen und lenkten die Gedanken auf sonnigere Wetteraussichten.

Nahtlos gings dann in die lauwarme Nacht, wo sich eine leise Melancholie und Verzauberung breit machte, als wäre die Nocturne H-Dur op. 40 von Antonín Dvořák auf Bestellung für dieses Konzert komponiert worden. Das Festivalorchester stimmte sich voll auf die nächtlichen Töne ein und brachte Ruhe in unsere Gedanken. Zeit zum Abschweifen.

Erholsam und unterhaltend war dann «Appalachian Spring» des Amerikaners Aaron Copland (1900–1990), der zu den wichtigsten Vertretern der amerikanischen Moderne zählt. Er führte uns ebenfalls in die Natur. Man konnte sich die Weiten der Prärie mit Sonnenaufgang vorstellen, aber auch regnerische Tage; und zufrieden befand man sich in volksmusikalischen Klängen, die etwas Heimatliches vermittelten. Die «Appalachische Quelle» wurde 1944 als Ballettmusik für die Tänzerin und Choreographin Martha Graham komponiert, und zwar für ein 13köpfiges Kammerorchester. Und in dieser Formation kam das Werk auch in Ernen zur Aufführung: ein vergnüglicher Abschluss eines leidenschaftlichen Konzerts – mit einem zweiten Farbtupfer: die wunderbare Bratschistin Lilli Maijala aus Finnland erfreute uns mit knallroten Schuhen. Der Sommer könnte jetzt wirklich kommen.

Ernen, 6. August 2021, Madeleine Hirsiger

Bild: «La Navizence Zinal» von Cyril Ndegeya (aktuell zu sehen in Ernen im Rahmen der SMART-Ausstellung «Faszinierende Gletscher»)

Share: