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Wenn ein seufzender Atem durch den Raum schwingt...

Wie kann doch die Musik einen Menschen auf eine andere Umlaufbahn der Existenz bringen!! So geschehen im Musikdorf Ernen, in der Reihe „Klavier kompakt“. Kompakt also, zusammengepresst wie Altglas, dicht, keine Zwischenräume, nicht modulierbar, fix. Man wartet auf den Hubstapler.

Aber innerhalb dieser Kompaktheit gibt es molekülartige Zwischenräume, diese kleine Masse, in der mehratomige Teilchen durch chemische Bindungen zusammengehalten werden. Und der Zeremonienmeister, der uns durch diese Zwischenräume führt, die Enge aufreisst hin zu etwas Grossem, ist Oliver Schnyder. Wenn er seine Hände auf die Tasten des Flügels legt, sei es für ein Impromptu oder eine Sonate von Franz Schubert, wenn die Läufe kristallklar hinunterquellen und die Komplexität dieser Musik, diese vielen Töne, gerade in der linken Hand, immer wieder neue Klangbilder hervorrufen, nichts Gängiges, sondern Überraschendes, dann ist man im Glück.

Es sind Werke aus dem letzten Lebensjahr von Franz Schubert, die grössten, intensivsten, die in jedem der 5 Klavierrezitale das Programm bestimmen. Und wenn es um die Sonate A-Dur op. post D 959 geht, sinkt man hinunter ins Leid von Schubert, fühlt jeden Ton, jede Bewegung dorthin, wo der Tod nahe ist.  Aber es ist die ausgeklügelte Planung von Oliver Schnyder mit einer kontrastreichen Gegenbewegung zu Schubert, eine Durchmischung mit Werken von andern Komponisten, die diese Konzerte so spannend und unvergesslich machen. Da ist Carl Maria von Weber mit der Sonate Nr. 4 e-Moll op. 70, ein Werk mit mutigen Wendungen, eigentlich nur aus Motiven bestehend, mit  unterschiedlichen Rythmen. Und wenn dann der Meister „Année des Pélerinage, Première année: Suisse“ von Franz Liszt unter seine Finger nimmt, dann dreht sich die Welt in die andere Richtung: Welcher Variantenreichtum in diesen herausfordernden Kompositionen, die Titel wie „La Chapelle de Guillaume Tell“, „Au Lac de Walenstadt“ oder „Orage“ tragen, jedes Kapital als erratischer Block in dieser Klangwelt, alles irgendwie ausserirdisch, wo es nichts zu verstehen gibt, wo man nur die Poren öffnen, die Augen schliessen und die Wucht dieses Werkes in sich hineinwirken lassen kann. Schon das Zuhören ist fast ein erschöpfendes Erlebnis.

Und Oliver Schnyder? Er sitzt an seinem Flügel, ruhig und unaufgeregt, komplett in sich ruhend, die ganze Kraft in seinen Händen, die sämtliche Nuancen der Intonation bestimmen. Er selbst ist es, der diese Transformationen initiiert, sein Körper, sein Geist, alles, was er hat, alles, was er ist, setzt er ein, um diese wunderbare Musik über das Instrument an uns heranzutragen. Und wenn die Stellen leise werden und langsam, dann taucht Schnyder in die Tiefen ab, in die Abyss der Meere, sein Gesichtsausdruck innig, ernst und konzentriert, und sein Seufzen, sein Atem durchdringt den Raum und wird Teil der Musik.

Es gibt interstellare Moleküle, die unter irdischen Bedingungen nicht stabil sind.

Ernen, Sonntag, 25. August 2018 von Madeleine Hirsiger

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