Back to overview

«Wenn ich nach Ernen komme, fühlt es sich wie ein Heimkommen an»

Seit bald einem Jahrzehnt verschlägt es Helena Winkelman immer wieder als Musikerin nach Ernen. Vor wenigen Wochen konnte sie im Musikdorf ein Komponierhäuschen beziehen, das ihr als diesjährige «composer in residence» zur Verfügung steht.

Mit offenen und wachen Sinnen pflückt die schweizer-niederländische Komponistin und Violinistin Helena Winkelman die Reichhaltigkeit des irdischen Lebens. Anstatt dem Zeitgeist des schnöden Materialismus zu frönen, strebt sie nach Transzendenz, nach Farbenreichtum, nach Tiefgründigkeit.

«Mich fasziniert die conditio humana, zu was der Mensch alles fähig ist», sagt die Komponistin bei einem morgendlichen Treffen im Erner «Sport Café». Dieses entgrenzte Menschenbild kulminiert bei ihr in einer Musik, die sämtliche Ebenen des Musizierens miteinbezieht und daher eine unglaublich facettenreiche Fülle an Klangschönheit in die Konzertsäle rund um den Globus transportiert.

In ihrem Konzert für zwei Violinen «Gemini», das sie im Jahr 2021 zusammen mit der Violinistin Patricia Kopatchinskaja und dem Sinfonieorchester Basel zur Uraufführung brachte, durchschreitet die Musik etwa Momente tiefsten Ernstes, die wenige Takte später mit humoristische Einsprengseln kontrakariert werden, die der Commedia dell’arte entnommen sein könnten.

Gut möglich, dass sie bei diesem Stück, dessen Uraufführung von den Fernsehsendern ARTE und ARD ausgestrahlt wurde, musikalisch auf die ambivalenten Eigenschaften der «Gemini», also der Zwillinge, verweisen will, wie sie von der westlichen Astrologie interpretiert werden.

In Ernen widmet sich Helena Winkelman zurzeit ausgiebigen Spaziergängen. Mit dabei hat sie stets einen Notizblock und ein Diktiergerät, mit denen sie erste kompositorische Ideen festhalten kann. «Indem ich nicht direkt am Schreibtisch mit dem Kompositionsprozess beginne, überwinde ich die Angst vor dem leeren Blatt.»

Als gefragte Violinistin und Komponistin reist Winkelman viel umher. Im Juni war sie einen ganzen Monat in Korea und lernt nun autodidaktisch die Sprache dieses Landes, dessen Kultur sie schon länger zu faszinieren weiss. Ihr Basislager bleibt jedoch Basel, wo sie seit 2011 künstlerische Leiterin der Camerata Variabile Basel ist.

In Ernen verbringt sie zum ersten Mal in ihrem Leben eine längere Phase in den Bergen.

«Wenn ich nach Ernen komme, fühlt es sich wie ein Heimkommen an», so die Musikerin. Die Schönheit der Natur rund um Ernen, der Ausblick, den man von der Kirche Richtung Westen geniessen kann, faszinieren sie stets aufs Neue. Und gerade auch der Charme des Dorfes hat es ihr angetan. «Ich liebe diese alte Häuser. Ernen hat seine Seele noch nicht verloren.»

In ihrem Komponierhäuschen arbeitet Helena Winkelman an einem 50-minütigen Stück für vier Sänger und variables Ensemble. Aus sämtlichen Ländern Europas vertont sie ein Gedicht mit transzendentalem Einschlag – eine Qualität, die in ihren Augen sämtliche wirklich gute Dichtung vorweisen kann.

Als Arbeitstitel für das Werk hat sie Geisterlieder gewählt. Gemeinsam werden die vier Sängerinnen und Sänger nur ein einziges Lied singen, die anderen Lieder interpretieren die Sänger je nach ihren Sprachfähigkeiten, da die Gedichte in Originalsprache vertont werden.

Diese Komposition, die am 5. August 2023 in der Erner Pfarrkirche St. Georg zur Uraufführung gelangt, ist von Helena Winkelman als ein Europa einendes Projekt intendiert: «Da die Politik es nicht geschafft hat, ist es nun die Aufgabe der Kunst, Europa zusammenzubringen.» In ihrem Werk will sie jedoch keine Kritik anbringen. «Kunst ist dann am stärksten, wenn sie affirmativ daherkommt», so die Komponistin.

Als gefragte Interpretin kennt Winkelman das Musikrepertoire aller Epochen in- und auswendig. In all ihren kompositorischen Werken bezieht sie sich auf die Musikgeschichte. «Manchmal sind diese Referenzen hörbar, manchmal nicht», so Winkelman.

Ein Stück von Helena Winkelman, bei dem sich die Referenzen schon im Titel offenbaren, kommt am kommenden Samstag, um 20.00 Uhr, im Erner Tellensaal zur Aufführung: Das im Jahr 2016 entstandene Streichquartett Papa Haydn’s Parrot (Des Papstes Papagei).

Mit ihrem 8-sätzigen Werk rekurriert sie auf das Streichquartett C-Dur op. 33 Nr. 3 «Vogel-Quartett» von Joseph Haydn. Dazu Winkelman: «Jeweils zwei Sätze meines Stücks nehmen Bezug auf einen Satz von Haydn.» Was sie an Haydn fasziniert? «Der musikalische Esprit und Witz». Wer den musikalischen Humor von Haydn einmal verstanden habe, müsse bei seinen Stücken nur noch lachen.

Studierende der Musikhochschule Sion werden Winkelmans Streichquartett am Wochenende interpretieren. Wie die Musik von Haydn ist auch Winkelmans Musiksprache voller schillernder Ironie, welche die Vorfreude auf die 50. Ausgabe des Festivals Musikdorf Ernen noch steigern wird, bei der nebst der Uraufführung der Geisterlieder noch weitere Kompositionen aus ihrer Feder zur Aufführung kommen werden.

Ernen, 26. Oktober 2022, Andreas Zurbriggen (Musikpublizist und Komponist)

Share: