Der Reiz der traditionellen Form
Die diesjährige Composer in Residence, Cheryl Frances-Hoad, konzipierte bereits ungeahnt ein Werk fürs Wallis und glaubt nach wie vor an althergebrachte Gattungen. Gespräch mit einer zeitgemässen Klassikerin.
Das Leben hält oftmals unerwartete Zufälle bereit. Als vor wenigen Monaten die britische Komponistin Cheryl Frances-Hoad, diesjährige Composer in Residence im Musikdorf, vom Pianisten Benjamin Mead den Auftrag erhielt, das Schweizer Volkslied «Schönster Abendstern» für Gesang und Klavier zu arrangieren, ahnte sie nicht, dass dieser Pianist nur wenige Kilometer von Ernen entfernt wohnt, wo sie sich für mehrere Wochen zum Komponieren zurückziehen darf: in Brig.
Mit seiner Partnerin, der Sängerin Franziska Heinzen – einer gebürtigen Brigerin notabene – wohnt der Pianist Benjamin Mead im Simplonstädtchen. Mead und Heinzen wirbeln von dort aus das kulturelle Leben im Wallis gehörig auf. «Auf gewisse Weise habe ich bereits einen ersten Auftrag fürs Wallis erfüllt», sagt Cheryl Frances-Hoad mit einem Schmunzeln beim Gespräch im Restaurant St. Georg.
Doch das war erst der Anfang. Zurzeit weilt Cheryl Frances-Hoad in Ernen und konzipiert ein Werk, das im Musikdorf während den «Kammermusik plus»-Wochen im August 2025 die Uraufführung erleben wird. Was die Besetzung anbelangt, hat sie freie Hand. Lange musste die Composer in Residence jedoch nicht überlegen. «Ich möchte für das Festival in Ernen ein Streichquartett komponieren», sagt die 44-Jährige. Ihr Ziel: Ein Werk zu schreiben, das dereinst Eingang ins Repertoire finden wird.
Die Chancen dazu stehen gut. Mehrmals hat die gefragte Komponistin bereits bewiesen, dass sie Musik kreiert, zu der Zuhörer*innen wie Interpret*innen Zugang finden können. Eine Einspielung ihres Cellokonzerts «Earth, Sea, Air» aus dem Jahr 2022 erschien kürzlich beim renommierten Label Chandos und wurde bei den diesjährigen «Proms» in der Londoner Albert Hall vom BBC Scottish Symphony Orchestra und der Cellistin Laura van der Heijden aufgeführt. Ihr Chorstück «The Promised Light of Life» wurde von Spotify in die Playlist «Choir Classics» aufgenommen und bereits mehr als 100'000 Mal angehört. Ein Ritterschlag.
Cheryl Frances-Hoad ist keine Revoluzzerin, weder in der Musiksprache noch in der Wahl der Besetzungen. «Ich bewege mich im Kontinuum der Musikgeschichte», sagt die in der Nähe von Cambridge lebende Komponistin. Zurzeit hört sie sich daher – um von den grossen Meister*innen zu lernen – viele Streichquartette an: von Bartók über Britten bis Ligeti. Sie sieht sich aber auch in der Weiterführung der Gattungstradition von Haydn bis Schostakowitsch.
Das Streichquartett, das Cheryl Frances-Hoad für Ernen schreiben wird, ist nicht ihr erster Beitrag zu dieser Gattung. «Bereits als 9-Jährige habe ich ein sehr ehrliches Streichquartett geschrieben», erinnert sie sich. Als 27-Jährige schrieb sie dann noch einmal für diese Besetzung, das Streichquartett «My Day in Hell», das sich mit der «Göttlichen Komödie» von Dante auseinandersetzt. «Nun verspüre ich den grossen Wunsch, einmal ein klassisches viersätziges 25-minütiges Streichquartett zu schreiben», sagt Frances-Hoad, die von Haus aus Cellistin ist.
Inspiration für ihre Musik findet die Komponistin in alltäglichen Gegenständen. Auf einem Spaziergang in Ernen entdeckte sie etwa einen Granit-Stein, dessen filigrane Textur ihr wie eine differenzierte musikalische Form vorkommt. «Es steckt viel Musik in diesem Stein», meint die Komponistin nachdenklich. In Ernen liebt sie den vollkommenen Fokus, der in der Ruhe dieses Bergdorfs ermöglicht wird. Beim Komponieren im Übungsstadel nimmt sie meistens nicht einmal ihr Handy mit, damit sie ganz ungestört arbeiten kann. Focus matters.
Am 20. Oktober interpretieren Studierende der Musikhochschule HEMU, Standort Sitten, das Streichquartett «My Day in Hell» von Cheryl Frances-Hoad im Musikdorf Ernen. Das Konzert findet um 14.00 Uhr im Tellenhaus statt. Die Komponistin wird anwesend sein.
Ernen, 10. Oktober, Andreas Zurbriggen (Komponist und Musikpublizist)


