Eintauchen in neun Sphären

Kammermusik plus 2023, 30. Juli bis 12. August. Jedes Programm ein eigener Kosmos

Alasdair Beatson befindet sich gerade auf Japan-Tournee mit der Geigerin Viktoria Mullova, als er unsere Anfrage erhält, ob er schon etwas Konkretes zum Jubiläumsprogramm von «Kammermusik plus» verraten könne. Zu diesem Zeitpunkt dauert es noch ein Dreivierteljahr, bis das Festival stattfinden wird. «Aber sicher», sagt der Pianist und künstlerische Leiter. Das Programm sei fertig. Das sei auch gut so. Wer nicht frühzeitig mit Planen beginne – also im Idealfall nach dem vorangehenden Festival –, der bekomme Probleme seine Musikerinnen und Musiker zusammenzubringen. Die meisten sind wie er ständig unterwegs. Im Moment erlebt er das Reisen als besonders intensiv. Die Tournee, auf der Beatson Konzerte auf dem Hammerflügel und dem modernen Klavier kombiniert, führt nach Athen, Spanien, Italien, Grossbritannien und eben Japan. Und dies innerhalb eines einzigen Monats! Das sei erschöpfend und gleichzeitig euphorisierend, sagt Beatson. Nach den Schwierigkeiten der letzten Jahre wegen der Pandemie, als das Konzertleben über Nacht plötzlich stillstand, geniesse man die Live-Auftritte vor Publikum umso mehr.

Neun Konzertprogramme hat Beatson für «Kammermusik plus» zusammengestellt, darunter zwei Orchesterkonzerte. Jedes Programm stelle einen eigenen Kosmos dar. Das sei seine Absicht gewesen, sagt Beatson. Er habe bei der Gestaltung Wert gelegt auf Vielfalt an Stilen, Besetzungen und Kontrasten und gleichzeitig die Programme unter einem grossen Spannungsbogen gebündelt. Bei neun Konzerten gebe es viel Spielraum, Musik auszuleuchten. «Das Publikum soll in ganz unterschiedliche Sphären eintauchen.» Auch örtlich: Neben der Kirche St. Georg werden der Rittersaal im Stockalperschloss in Brig, der Dorfplatz und die Mehrzweckhalle in Ernen sowie die Kapelle in Mühlebach bespielt.

Viermal ein Opus 1
Inspiriert durch das Festivalmotto «Meilensteine» hat Beatson für das Eröffnungsprogramm ausschliesslich Werke programmiert, die das Opus 1 tragen: Schuberts «Erlkönig» in einer Bearbeitung für Violine und Viola, Schönbergs «Dank» für Bariton und Klavier, Beethovens Klaviertrio Es-Dur und das Klavierquartett a-Moll, das Josef Suk 1891 als viel bestaunte Examensarbeit am Prager Konservatorium abgegeben und seinem Lehrer und späteren Schwiegervater Antonín Dvořák gewidmet hatte. Es sind Stücke, die für die jeweiligen Komponisten Meilenstein, Aufbruch oder Wendepunkt waren. In den Orchesterkonzerten werden die Orchesterfassung von Schuberts Streichquartett «Der Tod und das Mädchen» sowie Lieder von Richard Strauss zu hören sein, Bachs Doppelkonzert für Oboe und Violine und – für Beatson ein persönliches Highlight – Gustav Mahlers 4. Symphonie in der Kammerensemble-Fassung des österreichischen Komponisten und Musiktheoretikers Erwin Stein (1885–1958).

Intimität für vier Hände
Im Andenken an den Gründungsvater des Festivals erklingen Stücke, die György Sebők einst in Ernen gespielt hat oder die für ihn komponiert wurden. Beatson kommt ins Schwärmen. Er sei begeistert gewesen, als er entdeckt habe, dass György Kurtág ein exquisites Werk zum Gedenken an Sebők geschrieben hatte. «Es ist ein zartes, flüchtiges und poetisches Werk für zwei Pianisten, die sich ein Klavier teilen – eine sehr intime Sache. Die Aufführung dürfte dem Publikum als starkes Musikerlebnis in Erinnerung bleiben.» Alasdair Beatson, der in Schottland geboren wurde, hat zu Ernen eine lange und innige Beziehung. «Bei meinem ersten Besuch im Musikdorf im Jahr 2011 habe ich mich sofort in Ernen verliebt», sagt er. Er habe eine Art Alchemie zwischen Natur, Geschichte und den Menschen gespürt. «Die Berge wirken inspirierend und beschützend. Und wie alle Musikerinnen und Musiker in unserer Ernen-Family liebe ich ein Gefühl der Freiheit hier oben, das sich beim Proben und bei den Auftritten positiv auf die Musik auswirkt.»

Geschrieben im Dezember 2022, von Marianne Mühlemann

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Hier finden Sie Videos von vergangenen Konzerten im Musikdorf Ernen

Hören Sie die Playlist 'Kammermusik plus 2023' auf Spotify

Lesen Sie auch den Blog «Alasdair Beatson – der Virtuose am Klavier», Juli 2017, von Madeleine Hirsiger

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