Schubert unter dem Brennglas

Klavier kompakt 2023, 25. – 27. August. 5 Rezitale in drei Tagen

Die Zeit vergeht schnell. Auch in Ernen. Obwohl man hier zuweilen das Gefühl hat, dass sie während den Konzerten stehenbleibt. Zehn Jahre sind vergangen, seit Dasol im Musikdorf das erste Mal aufgetreten ist. Damals war er noch Student und nannte sich Da Sol. Trotz seines jugendlichen Alters – er war 24 und frischgebackener Silbermedaillenträger beim Concours Géza Anda – zeigte sein Klavierspiel bereits eine persönliche Handschrift. Die Jury hatte seine Artikulation und die geistige Durchdringung der Interpretationen hervorgehoben, dem Erner Publikum gefiel, dass der Musiker sich nicht scheute, in den klingenden Auseinandersetzungen mit Themen wie Leidenschaft, Trauer, Liebe und Tod etwas von sich selber preiszugeben. Dasol hatte ein emotionales Programm vorbereitet. Das Spektrum reichte von Clara und Robert Schumann bis Chopin und Rachmaninow, von stiller Intimität bis zu virtuoser Prachtentfaltung. Es gelang dem Pianisten, seine facettenreiche Spielkunst ins beste Licht zu rücken.

In doppelter Funktion
Seit diesem Debüt ist Dasol in Ernen ein gern gesehener Gast. Obwohl seine Agenda gut gefüllt ist, reist er praktisch jeden Sommer ins Wallis. Neben der Konzerttätigkeit als Solist und Kammermusiker investiere er viel Zeit in die Entwicklung seines Repertoires, sagt der gebürtige Koreaner, der 2005 als Sechzehnjähriger seine Heimat verliess, um in Deutschland zu studieren. Demnächst möchte er zum ersten Mal ein Programm mit Werken der Zweiten Wiener Schule auf die Bühne bringen. Neben seinen Auftritten unterrichtet Dasol an der Hochschule für Musik und Theater Leipzig. Im Jubiläumsprogramm «50 Jahre Musikdorf», ein Jahrzehnt nach seinem Debüt, tritt er in doppelter Funktion in Erscheinung: als Interpret und als Programmverantwortlicher von «Klavier kompakt».

Ort der Entdeckungen
Die Anfrage sei für ihn eine Ehre gewesen, sagt Dasol. «Ich habe zugesagt und dabei sofort an Schubert gedacht.» Er möchte Schubert in den Fokus des geplanten Konzertzyklus stellen. Schubert unter dem Brennglas, sozusagen. Im September 2023 erscheine sein zweites Album mit Musik von Schubert, verrät er. «Die Präsentation in Ernen ist eine exklusive Vorabveröffentlichung.» Die Auseinandersetzung mit einem einzigen Komponisten sei eine intensive und bereichernde Erfahrung sowohl für Publikum und Interpret, sagt Dasol. «Schuberts Werke sind populär. Doch einige wurden erst Jahre nach seinem Tod entdeckt.» Er ist überzeugt, dass es in Schuberts Musik noch vieles zu entdecken gibt. «Ich möchte, dass Ernen im Sommer 2023 der Ort dieser Entdeckungen wird.»

Als Interpret und Forscher liebt Dasol viele Komponisten, Beethoven zum Beispiel. Oder Schumann. Auch wenn man eine Partitur Tag und Nacht studiere, gebe es immer noch Neues, Spannendes zu finden. Bei Schumanns Musik, frage er sich manchmal, wie ein Mensch überhaupt fähig sei, so viel Schmerz zu ertragen. Schubert wiederum habe das Talent gehabt, Trauer und Schönheit in einfache Melodien und Harmonien zu fassen. «Es scheint, als ob er die Traurigkeit hinter der Schönheit verstecken würde. Manchmal weiss ich nicht, was ich fühlen soll, wenn ich seine Musik höre. Sie ist so schön, dass sie traurig ist. Und umgekehrt.» Von Schubert liebe er auch das Kammermusikrepertoire, die Klaviertrios, das C-Dur-Streichquintett und natürlich seine Lieder. «Ich werde nicht müde, Schuberts Musik zu hören.»

Dasol wird die fünf Rezitale in drei Tagen in Ernen nicht alleine spielen. Er teilt die Programme mit Hisako Kawamura und Fabian Müller auf. «Ich freue mich auf die Schubert-Interpretationen meiner zwei Kollegen und darauf, zu entdecken, wie unterschiedlich Schubert gedeutet werden kann», sagt er. Die Gegenüberstellung dürfte zweifellos auch das Publikum in seinen Bann ziehen.

Geschrieben im Dezember 2022, von Marianne Mühlemann

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Hier finden Sie das Rezital von Dasol Kim vom August 2021

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Lesen Sie mehr über Dasol Kims Auftritte als Kammermusiker in Ernen:

«Den Kopf nicht in den Sand gesteckt», Juli 2022, von Andreas Zurbriggen

«Ein namenloses Trio, das sich einen Namen macht», Juli 2020, von Madeleine Hirsiger

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