Achille Vocat, Martin Jollet | Newcomers 2026

Mel Bonis: Suite für Violine und Klavier op. 114
Gabriel Fauré: Sonate für Violine und Klavier Nr. 1 A-Dur op. 13
Mel Bonis: Drei Stücke für Violine und Klavier opp. 78, 84 und 83
Francis Poulenc: Sonate für Violine und Klavier FP 119

Sonntag, 13. September 2026, um 14 Uhr, Tellenhaus Ernen

Das Duo-Programm gibt einen spannenden Einblick in das französische Repertoire für Violine und Klavier, angefangen mit der 1926 vollendeten Suite von Mel Bonis. In dieser Zeit lebte Bonis zwar noch in Paris, verbrachte aber viel Zeit auf dem ländlichen Anwesen in Sarcelles, wo sich die Grossfamilie versammelte – hier entstand ein interessantes Foto: Die grauhaarige Bonis sitzt an einem Klavier, das auf einen Wagen montiert wurde, umgeben von etwa zehn Personen (vermutlich Kinder und Enkelkinder) mit verschiedenen Instrumenten und mit exotischen Accessoires – ein Ausdruck der Années folles, der auch im brillanten «Jour de fête» und im rustikalen «Cortège champêtre» zu hören ist. «Sous la ramée» («Unter dem Laubdach») hingegen zeichnet eine pastorale Idylle, die im Verlauf des Stücks in entrückte Klangwelten entschwebt.

Die drei Stücke opp. 78, 84 und 83 stammen aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg, einer Zeit, in der Mel Bonis ihre persönliche Musiksprache und immer tieferen Ausdruck fand. In strenger Selbstkritik schrieb sie über das Largo «mauvais!», obschon der Satz mit seiner wiegenden Bewegung in quasi-religiöser Stimmung eine wunderschöne Miniatur darstellt, genauso wie das Andante religioso, das Bonis für Violine mit Klavier oder Orgel schrieb – letzteres ein Instrument, das Bonis sehr liebte und oft spielte. Dass sie eine hervorragende Pianistin war, zeigen andererseits die perlenden Akkordwellen im Allegretto non troppo.

Die Violinsonate A-Dur (1877) war der erste grosse Erfolg Gabriel Faurés, und den verdankte er zwei aktiven Förderern – seinem Lehrer und Mentor Camille Saint-Saëns und dem befreundeten Industriellen Camille Clerc. Ersterer hatte in der neu gegründeten Société nationale de musique das kammermusikalische Schaffen junger französischer Komponisten wesentlich angeregt und Faurés Werk in höchsten Tönen angepriesen. Letzterer hatte seine Beziehungen zu Breitkopf & Härtel in Leipzig für die Veröffentlichung genutzt, somit kam Fauré schon früh zur «Ehre, im ruhmreichsten aller Kataloge verzeichnet zu sein». Und auch die Ausnahmegeigerin Marie Tayau hatte grosses Verdienst, ihr Spiel bei der Uraufführung bezeichnete Fauré als «perfekt». Die Musik hat schon alle Elemente, die auch Faurés spätere Werke so beliebt machen, vom leidenschaftlichen, aber fein ausbalancierten Kopfsatz über die traurig wiegende Barcarolle im Andante, das flinke Allegro vivo und das innerlich äusserst bewegte Finale mit vereinzelt heftigen Emotionsausbrüchen.

Wirklich brachial beginnt Francis Poulencs 1943 im besetzten Paris geschriebene Violinsonate, gewidmet dem spanischen Autor Federico García Lorca (1898–1936), der von den spanischen Faschisten ermordet worden war (und der wie Poulenc mit der gesellschaftlichen Ächtung seiner Homosexualität haderte). Dieses Stück in der Salle Gaveau aufzuführen, nur 800 m von der Propagandastaffel der Nationalsozialisten an der Avenue des Champs-Elysées, zeigt die politische Seite des Komponisten, dessen so disparates Gesamtwerk unmöglich in eine Schublade gesteckt werden kann – Darius Milhaud bezeichnete Poulenc als «Musiker ohne Etikette». Die Sonate zitiert in jedem Satz den Jazz-Standard «Tea For Two» (Vincent Youmans), auch das wohl ein Fingerzeig (oder eine verächtliche Grimasse) in Richtung der Besatzer. Der Kopfsatz reiht in abrupten Wechseln Furor, Melancholie, Gewaltausbrüche und Salonmusik aneinander, während das Intermezzo eine sanfte Elegie ist. Nach dem tragischen Flugzeugabsturz der bedeutenden Geigerin Ginette Neveu (1919–1949), mit der Poulenc die Uraufführung gespielt hatte, ersetzte er das ursprüngliche Finale durch das Presto tragico, dessen wildes Spiel nach zwei Dritteln abrupt abbricht, um einer tief empfundenen Klagemusik Platz zu machen.

Jonathan Inniger

Mel Bonis 1858–1937
Suite für Violine und Klavier op. 114
Jour de fête. Modéré
Sous la ramée. Poco lento
Cortège champêtre. Allegro non troppo

Gabriel Fauré 1845–1924
Sonate Nr. 1 A-Dur für Violine und Klavier op. 13
Allegro molto
Andante
Scherzo. Allegro vivo
Finale. Allegro quasi presto

Mel Bonis
Drei Stücke für Violine und Klavier opp. 78, 84 und 83
Andante religioso
Allegretto non troppo
Largo

Francis Poulenc 1899–1963
Sonate für Violine und Klavier FP 119
Allegro con fuoco
Intermezzo
Presto tragico

Achille Vocat, Violine
Martin Jollet, Klavier

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