Dämmerstunden | Trio Gaspard
Joaquín Turina: Círculo. Fantasía op. 91
Lili Boulanger: D’un soir triste – D’un matin de printemps (1918)
Mel Bonis: Soir – Matin op. 76
Franz Schubert: Adagio Es-Dur D 897 («Notturno»)
Sally Beamish: Trance (2023)
Claude Debussy: La Mer. Trois esquisses symphoniques L. 109 (Bearb. Sally Beamish)
Kammerkonzert 4 im Rahmen von Kammermusik kompakt | Samstag, 4. Juli 2026, um 20 Uhr, Kirche Ernen
Passend zum Dämmerlicht, in welches das Untergoms zur Konzertzeit beim Blick von der Kirche Ernen getaucht sein wird, widmet sich dieses Programm den Dämmerstunden: Die dreiteilige Fantasie des in Sevilla geborenen Joaquín Turina führt vom zuerst düsteren, dann sanften und strahlenden Tagesanbruch («Amanecer» heisst «Morgengrauen») zum bunten Treiben des Mittags («Mediodía») und schliesslich zur wieder ruhiger werdenden Abenddämmerung («Crepúsculo»).
Weniger bildhaft als vielmehr tief emotional sind die zwei Stücke von Lili Boulanger, die die damals 24-Jährige kurz vor Ende des 1. Weltkrieges auf ihrem Totenbett ihrer Schwester diktierte. Boulanger hatte 1903 als erste Frau den 1. Prix de Rome gewonnen.
Ihrer eine Generation älteren Kollegin Mel Bonis stand die Teilnahme am renommierten Kompositionswettbewerb noch nicht offen, und ihr Geschlecht verschleierte Mélanie Bonis seit ihren ersten Publikationen durch die neutrale Kurzform «Mel» (oder durch andere Pseudonyme). Sie war nach gründlichem Studium der Harmonielehre und Klavierbegleitung ab 1880 Teil der Kompositionsklasse von Ernest Guiraud – gleichzeitig wie Claude Debussy –, doch zwangen ihre Eltern sie 1881 zum Abbruch der Ausbildung, als ein Kommilitone, der Sänger und Dichter Amédée-Louis Hettich (1856–1937), um ihre Hand anhielt. Erst in den 1890er-Jahren, nach dem Wiedersehen mit Hettich, begann die nun als Mme Domange verheiratete Frau wieder, regelmässig zu komponieren.
Mel Bonis' Diptychon Soir – Matin entstand 1907 und wurde mehrmals aufgeführt vom Trio der möglicherweise aus der Schweiz stammenden Gebrüder Kellert. Das Werk schlägt die Brücke von den (an Bonis’ Mentor César Franck erinnernden) grossen romantischen Melodiebögen in «Soir» zur zauberhaft schillernden Morgenstimmung in «Matin», letzteres ist einer von Bonis’ Hauptbeiträgen zum Impressionismus.
Wie kaum ein anderes Werk passt Schuberts «Notturno» auf die romantische (schopenhauersche) Vorstellung des Künstlers als Nachtwandler, der an schwindelnden Abgründen vorbei einem fernen Licht entgegengeht. In seinem terzenseligen A-Teil mit den Harfen-Akkorden im Klavier (und der rätselhaften Vortragsbezeichnung pianissimo appassionato) scheint der Traumzustand paradigmatisch verkörpert. Die Brüche in der Form, die Momente des Schauderns lassen schwindelnde Abgründe erahnen und im punktierten B-Teil kann die unablässige Kraft gefühlt werden, mit der das ferne Licht auf den Träumer wirkt.
Was es bedeutet, ins Ungewisse abzugleiten, versuchte Sally Beamish in Trance einzufangen – Bezug nehmend auf die Demenzerkrankung ihrer Mutter. Vor einer ganz anderen Herausforderung stand Beamish, als sie Claude Debussys Orchesterwerk La Mer für Klaviertrio bearbeitete. Bald löste sie sich vom Gedanken, möglichst jede Note in Debussys Partitur zu berücksichtigen, und versuchte, «diese dynamischste der Orchesterpartituren in ein Werk umzuwandeln, das klingen sollte, als ob es immer als Klaviertrio gedacht war».
La Mer (1905) ist als Folgewerk der Nocturnes (1900) innerhalb von Debussys Orchesterwerken gewissermassen ein Schritt von der Nacht in den Tag, mit dem Eröffnungssatz «Von der Morgendämmerung bis zum Mittag auf dem Meer», in dem Debussy die subtilen Lichtveränderungen auf dem Wasser im Morgengrauen erkundet, gefolgt von der Schönheit der unberechenbaren Bewegung im «Wellenspiel» und dem bedrohlich turbulenten «Dialog von Wind und Meer», wo sich grosse Flutwellen bilden, genau wie auf der von Debussy geliebten Grossen Welle vor Kanagawa von Katsushika Hokusai, die sich ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Europa grosser Beliebtheit erfreute.
Jonathan Inniger
Joaquín Turina 1882–1949
Círculo. Fantasía op. 91
Amanecer. Lento-Andantino – Mediodía. Allegretto quasi andantino – Crepúsculo. Allegro vivace
Lili Boulanger 1893–1918
D’un soir triste (1918) – D’un matin de printemps (1918)
Mel Bonis 1858–1937
Soir – Matin op. 76
Franz Schubert 1797–1828
Adagio Es-Dur D 897 («Notturno»)
Sally Beamish *1956
Trance (2023)
Claude Debussy 1862–1918
La Mer. Trois esquisses symphoniques pour orchestre L. 109
Bearbeitung für Klaviertrio von Sally Beamish
De l’aube à midi sur la mer
Jeux des vagues
Dialogue du vent et de la mer
Trio Gaspard:
Jonian Ilias Kadesha, Violine
Vashti Hunter, Violoncello
Nicholas Rimmer, Klavier
Wie schon 2024 umspannt das dichte Wochenend-Programm mit dem Trio Gaspard Anfang Juli 2026 die gesamte Klaviertrio-Geschichte vom prägenden Übervater Joseph Haydn bis zur Uraufführung eines Werks von Giovanni Sollima. Dabei erklingen neben den Klaviertrio-Klassikern wie Beethoven, Schubert, Robert und Clara Schumann, Dvořák und Fauré auch seltener gehörte Werke aus der umfangreichen Klaviertrio-Literatur: Vertreten ist der Vater der französischen Kammermusik, Camille Saint-Saëns, ebenso wie seine Pariser Kolleg*innen Lili Boulanger, Mel Bonis – die als Erner «Composer to Discover» mit ihrem Gesamtwerk für Klaviertrio vertreten ist –, deren Klassenkamerad Claude Debussy sowie die über viele Jahre in Paris lebenden Joaquín Turina und Bohuslav Martinů. Zudem kommt neben dem folkloristisch gefärbten Trio des Armeniers Arno Babadschanjan auch das Opus 1 des Wiener Wunderkindes Erich Wolfgang Korngold zur Aufführung, kontrastiert durch Musik des Jahrhundert-Violinisten Fritz Kreisler.