Gile Bae | Klavier 2026
Bach/Busoni: Chaconne aus der Partita Nr. 2 d-Moll BWV 1004
Robert Schumann: Humoreske B-Dur op. 20
Claire-Mélanie Sinnhuber: Toccata (2020)
Johannes Brahms: Variationen und Fuge über ein Thema von Händel op. 24
Klavierrezital 5 mit Gile Bae | Freitag, 17. Juli 2026, um 20 Uhr, Kirche Ernen
Auch wenn sich Gile Bae zur «Religion» der klassischen Musik bekennt, schliesst das eine Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Musik nicht aus – und erfreulicherweise haben Pianistinnen ihrer Generation in der Regel hier keine Berührungsängste mehr, sondern wissen, wie spannend und bereichernd die Begegnung (und manchmal auch Konfrontation) von Altem und Neuem ist. Es ist eine wohl jedem Interpreten vertraute Erfahrung, wie sehr ein neues Werk den Blick auf ältere Musik verändern oder schärfen kann. Ebenso beziehen Komponistinnen aus dem Studium der Vergangenheit Impulse für die Schaffung des Neuen.
So transkribierte Ferruccio Busoni verschiedene Werke Bachs für Klavier, um sie für moderne Hörer*innen auf dem universellen Instrument Klavier zu aktualisieren. Die berühmte Chaconne aus Bachs Partita d-Moll für Violine solo hatte schon Brahms für Klavier bearbeitet – allerdings für die linke Hand allein, während Busonis Fassung die Assoziation mit dem Klang der Orgel oder auch des Orchesters weckt.
Brahms wiederum bewunderte wie der späte Beethoven die elementare Kraft der Musik Händels. Die Variationen und Fuge über ein Thema von Händel op. 24 (und zwar der «Aria» aus der Klaviersuite B-Dur von 1733) bezeichnete er als sein Lieblingswerk; in kürzester Zeit im September 1861 fertiggestellt, überreichte er es der im selben Monat ihren Geburtstag feiernden Clara Schumann als Geschenk. Der hervorragende Pianist Brahms übernahm selbst die Uraufführung am 4. November des Jahres in Hamburg. Drei Jahre später spielte er es bei seiner einzigen Begegnung mit Richard Wagner, der anerkennend sagte, dieses Werk würde zeigen, «was sich in den alten Formen noch leisten lässt, wenn einer kommt, der versteht sie zu behandeln.»
Auch Robert Schumanns Humoreske op. 20 von 1839 ist ein Schlüsselwerk, aber in einer für diesen Komponisten charakteristischen, poetischen Überhöhung. Zum Titel des Werks äusserte er sich in einem Brief an seinen belgischen Verehrer Simonin de Sire: «Das Wort Humoreske verstehen die Franzosen nicht. Es ist schlimm, dass gerade für die in der deutschen Nationalität am tiefsten eingewurzelten Eigenthümlichkeiten und Begriffe wie für das Gemüthliche (Schwärmerische) und für den Humor, der die glückliche Verschmelzung von Gemüthlich und Witzig ist, keine guten und treffenden Worte in der französischen Sprache vorhanden sind. (…) Kennen Sie nicht Jean Paul, unseren grossen Schriftsteller? Von diesem habe ich mehr Contrapunkt gelernt als von meinem Musiklehrer.» Das kontrapunktische Netz, das die ineinander übergehenden, immer wieder wie improvisiert wirkenden zehn Teile verbindet, soll damit auch die Überwindung der inneren Zerrissenheit der romantischen Künstlerexistenz symbolisieren. Eine Besonderheit ist die notierte, aber nicht zu spielende «innere» Stimme im dritten Teil.
Die französisch-schweizerische Komponistin Claire-Mélanie Sinnhuber knüpft mit ihrer 2020 im Auftrag von Radio France komponierten Toccata an eine barocke Gattung an, zu der Schumann 1834 mit seinem op. 7 eines der bis heute von allen Virtuosen gefürchteten Stücke beigesteuert hatte und das in Prokofjews op. 11 von 1912 einen populär gewordenen Nachfolger fand. Sinnhuber fasste dagegen das Wort Toccata als Akronym auf und wies jedem einzelnen Buchstaben ein eigenes Wort zu: T = touches blanches; O = Ostinato; C = Croisement des mains; C = Comptine; A = Allant; T = Touches noires; A = Anamnèse. Aus diesen Elementen schuf sie ein humorvoll-hintersinniges, den Klavierdeckel als Schlagzeug integrierendes Klang-Uhrwerk, das eindrucksvoll die unerschöpflichen Gestaltungsmöglichkeiten auf dem Klavier auch in der neuen Musik demonstriert.
Prof. Dr. Wolfgang Rathert
Johann Sebastian Bach 1685–1750
Chaconne aus der Partita Nr. 2 d-Moll für Violine solo BWV 1004
Bearbeitung für Klavier von Ferruccio Busoni (1866–1924)
Robert Schumann 1810–1856
Humoreske B-Dur op. 20
Einfach
Hastig
Einfach und zart
Innig
Sehr lebhaft
Mit einigem Pomp
Zum Beschluss
Claire-Mélanie Sinnhuber *1973
Toccata (2020)
Johannes Brahms 1833–1897
Variationen und Fuge über ein Thema von Händel op. 24
Aria
Variation 1
Variation 2. Animato
Variation 3. Dolce
Variation 4. Risoluto
Variation 5. Espressivo
Variation 6
Variation 7. Con vivacità
Variation 8
Variation 9. Poco sostenuto
Variation 10. Energico
Variation 11. Dolce
Variation 12. Soave
Variation 13. Largamente, ma non più
Variation 14. Sciolto
Variation 15
Variation 16. Piano ma marcato
Variation 17. Più mosso
Variation 18. Grazioso
Variation 19. Leggiero e vivace
Variation 20. Legato
Variation 21. Dolce
Variation 22
Variation 23. Vivace e staccato
Variation 24
Variation 25
Fuga