Paris | Trio Gaspard

Gabriel Fauré: Klaviertrio d-Moll op. 120
Mel Bonis: Suite orientale op. 48
Camille Saint-Saëns: Klaviertrio Nr. 2 e-Moll op. 92

Kammerkonzert 2 im Rahmen von Kammermusik kompakt | Samstag, 4. Juli 2026, um 14 Uhr, Kirche Ernen

Die im 19. Jahrhundert wohl etwas stärkere Rivalin Wiens als kulturelles Zentrum auf dem europäischen Festland war Paris, Zentrum eines kolonialen Weltreichs, das nur vom British Empire noch übertroffen wurde. Doch erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich hier eine Kammermusiktradition, massgeblich geprägt von Camille Saint-Saëns. Dieser vereinte die französische Adaption der klassischen Formen mit der orientalistischen Mode des späteren 19. Jahrhunderts, die bei Gabriel Fauré bzw. Mel Bonis ihren Ausdruck finden.

Fauré vollendete sein einziges Klaviertrio als 78-Jähriger, als vorletztes Werk, ein Jahr vor seinem Tod. Eine freie, durchsichtige Klarheit prägt das Trio, das dadurch einen weltentrückten Geist atmet – der auch im Spätwerk von Mel Bonis zu finden ist.

Bonis hiess seit der ihr aufgedrängten Heirat als 25-Jährige mit einem zweifach verwitweten Industriellen offiziell Mélanie Domange – das Ehepaar reiste übrigens in den 1880er-Jahren nach Ägypten. Bonis’ Suite orientale stammt aus den Jahren vor der Jahrhundertwende und damit vor der traumatischen heimlichen Geburt und Trennung von ihrer unehelichen Tochter, die sie in eine tiefe Depression stürzte, aus welcher ihre Werke dann eine neue Tiefe erhielten. Die Suite orientale ist ein bezauberndes Beispiel für die leichtere Ästhetik der Jahrhundertwende, die sich auch dank der Weltausstellungen für alles Fremdartige begeisterte. Das Prélude beschwört eine nächtlich düstere Szene, die «Danse d’Almées» skizziert sinnliche Bauchtänzerinnen mit einigen Anklängen an Saint-Saëns’ orientalistische Oper Samson et Dalila, und die «Ronde de nuit» kehrt zurück zur Nacht, die als Zeit der Sinnlichkeit ebenso die Fantasie anregte wie die Vorstellung orientalischer Tänzerinnen.

Camille Saint-Saëns schrieb sein Klaviertrio e-Moll in seiner bevorzugten Winterresidenz ausserhalb von Algier, es begeistert durch den wundervollen Effekt der aufgeregten Wellenfiguren im Klavier am Anfang des dramatischen Kopfsatzes, ebenso durch das elegante Allegretto im 5/8-Takt und das zentrale Andante mit seiner melancholisch fallenden Melodie, die an Liszts «Vallée d'Obermann» erinnert – übrigens wurde Saint-Saëns 1877 auf seiner Reise nach Weimar zur Uraufführung von Samson et Dalila von Fauré begleitet, sie lernten dort auch Liszt kennen. Es folgen ein eleganter Walzer und ein ebenso dramatisches wie kunstvoll kontrapunktisches Finale.

Jonathan Inniger

Gabriel Fauré 1845–1924
Klaviertrio d-Moll op. 120
Allegro ma non troppo – Andantino – Allegro vivo

Mel Bonis 1858–1937
Suite orientale op. 48
Prélude – Danse d'Almées – Ronde de nuit

Camille Saint-Saëns 1835–1921
Klaviertrio Nr. 2 e-Moll op. 92
Allegro non troppo – Allegretto – Andante con moto – Grazioso, poco allegro – Allegro

Trio Gaspard:
Jonian Ilias Kadesha, Violine
Vashti Hunter, Violoncello
Nicholas Rimmer, Klavier

Wie schon 2024 umspannt das dichte Wochenend-Programm mit dem Trio Gaspard Anfang Juli 2026 die gesamte Klaviertrio-Geschichte vom prägenden Übervater Joseph Haydn bis zur Uraufführung eines Werks von Giovanni Sollima. Dabei erklingen neben den Klaviertrio-Klassikern wie Beethoven, Schubert, Robert und Clara Schumann, Dvořák und Fauré auch seltener gehörte Werke aus der umfangreichen Klaviertrio-Literatur: Vertreten ist der Vater der französischen Kammermusik, Camille Saint-Saëns, ebenso wie seine Pariser Kolleg*innen Lili Boulanger, Mel Bonis – die als Erner «Composer to Discover» mit ihrem Gesamtwerk für Klaviertrio vertreten ist –, deren Klassenkamerad Claude Debussy sowie die über viele Jahre in Paris lebenden Joaquín Turina und Bohuslav Martinů. Zudem kommt neben dem folkloristisch gefärbten Trio des Armeniers Arno Babadschanjan auch das Opus 1 des Wiener Wunderkindes Erich Wolfgang Korngold zur Aufführung, kontrastiert durch Musik des Jahrhundert-Violinisten Fritz Kreisler.

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