Sanfte Tänze | Kammermusikfest 2026

Franz Schubert: Streichquartett a-Moll D 804 («Rosamunde»)
Claire-Mélanie Sinnhuber: Danses douces für Violine und Violoncello (2021)
Georgi Catoire: Klavierquartett a-Moll op. 31

Festkonzert 5 | Montag, 10. August 2026, um 20 Uhr, Rittersaal im Stockalperschloss Brig

Das Programm für den Rittersaal ist nach dem gleichnamigen Werk für Violine und Violoncello von Claire-Mélanie Sinnhuber benannt. Die Komponistin geht darin von der barocken Tradition der Tanz-Suite aus sowie von der Sanftheit («douceur») und der Obsession der Doppelung («double»). Wie ein fächer, der sich nach und nach über einem Gesicht öffnet, entfaltet sich die Komposition im physischen Raum der Instrumente. Während der erste Tanz nur auf eine Saite fokussiert, kommen in den weiteren Tänzen je eine Saite zum Spiel hinzu. Es ist bewusst repetitive Musik, in der das metrische Gleichgewicht jederzeit aus dem Lot geraten kann – traumwandlerisch, poetisch, subtil und reich an klanglichen Einfällen – im vierten Satz etwa das Violoncello-Arpeggio hinter dem Steg, dessen je nach Instrument variable Tonhöhen von der Violine gedoppelt werden.

Traumwandlerisch, poetisch und subtil ist auch die Musik von Georgi Catoire. Der 1861 in Moskau geborene Sohn einer aus dem französischen Lothringen stammenden, wohlhabenden Handelsfamilie zeigte zwar früh Talent und Begeisterung für Musik, studierte jedoch erst Mathematik, bevor er sich auf Anraten Tschaikowskis ganz der Musik zuwandte. Die Faszination für die Musik Richard Wagners ist in dem kleinen OEuvre Catoires (36 publizierte Werke) jederzeit hörbar, aber auch Einflüsse des französischen Impressionismus – eine weitere Parallele zu Sinnhuber. Das vielleicht Bemerkenswerteste sind die fliessenden Tonartenwechsel – sie machen Catoires Musik elastisch und zugleich zerbrechlich. Das Klavierquartett a-Moll entstand 1916 als letztes grossformatiges Kammermusikwerk. Besonders virtuos ist darin das komplexe rhythmische Zusammenspiel zwischen den Instrumenten. Hier ist alles fliessend. Im Kopfsatz führt die mystische Einleitung fast unmerklich von b-Moll nach a-Moll und in den Hauptteil, der treffend als «gemässigt schnell aber immer leicht aufgeregt» überschrieben ist – eine Musik von hoher emotionaler Spannung unter einem sanften, elegischen Schleier. Das Einleitungsthema wendet Catoire im träumerischen Andante nach Des-Dur, während das Finale einen äusserst sanften, subtil tänzerischen Charakter hat – Musik, die einen impressionistischen, französischen Duft atmet. Das Werk fusst in der spätromantischen Leidenschaftlichkeit und ist das meisterhafte Produkt eines sensiblen Individualisten im Fin de Siècle, mit Glanz und Noblesse, aber auch mit hoher Fragilität.

Schuberts Streichquartett a-Moll teilt mit Catoires Klavierquartett die Tonart und die feine, elegische Grundstimmung. Der dritte Satz ist ein als Menuett bezeichneter, sanfter Tanz mit Walzer- und Ländler-Anklängen. Darin hat Schubert sein Goethe-Lied «Götter Griechenlands» zu einem ruhelosen, sehnsuchtsvollen Tanz umgedeutet. Das Lied mit seiner melancholisch gebrochenen Weltsicht («Schöne Welt, wo bist du?») kann verstanden werden als Motto des ganzen Quartetts, in dem die Gegensätze Moll/Dur und Lied/Kontrapunkt in allen Sätzen prägend sind. Bereits das sehnsuchtsvoll dahingleitende Hauptthema des Kopfsatzes macht den Weg von a-Moll nach A-Dur und zurück. Die Idylle des zweiten Satzes – entlehnt aus der Schauspielmusik zum Märchenspiel Rosamunde, Königin von Zypern – wird von einer abrupt hereinbrechenden dramatischen Episode aufgerissen. Der in C-Dur beginnende dritte Satz führt über As-Dur plötzlich nach cis-Moll, um in a-Moll zu enden, während das Trio eine ländliche Idylle in A-Dur voller Nostalgie beschwört. Auch im tänzerischen Finale wird der Schein des Volkstümlichen in Frage gestellt von Generalpausen, schmerzlich empfundenen Sehnsuchtsmomenten und den für Schubert typischen, plötzlichen Tonartwechseln.

Jonathan Inniger

Franz Schubert 1797–1828
Streichquartett a-Moll D 804
Allegro ma non troppo
Andante
Menuetto. Allegretto – Trio
Allegro moderato
Maja Horvat, Violine
Matteo Cimatti, Violine
Alessandro D’Amico, Viola
Francesco Dillon, Violoncello

Claire-Mélanie Sinnhuber *1973
Danses douces für Violine und Violoncello (2021)
Schweizer Erstaufführung
Joueur
Librement
Fluide
Mystérieux
Chiara Sannicandro, Violine
Chiara Samatanga, Violoncello

Georgi Catoire 1861–1926
Klavierquartett a-Moll op. 31
Moderato – Allegro moderato ma sempre poco agitato
Andante
Molto allegro
Maria Włoszczowska, Violine
Lilli Maijala, Viola
Samuel Niederhauser, Violoncello
Joonas Ahonen, Klavier

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