Shio Okui | Klavier 2026

Mel Bonis: Phoebé op. 30 und Salomé op. 100 Nr. 1
Alexander Skrjabin: Klaviersonate Nr. 3 fis-Moll op. 23
Sergei Rachmaninow:
Prélude B-Dur op. 23 Nr. 2 («Maestoso»)
Prélude D-Dur op. 23 Nr. 4 («Andante cantabile»)
Prélude c-Moll op. 23 Nr. 7 («Allegro»)
Prélude Ges-Dur op. 23 Nr. 10 («Largo»)
Étude-Tableau C-Dur op. 33 Nr. 2 («Allegro»)
Étude-Tableau c-Moll op. 33 Nr. 3 («Grave»)
Étude-Tableau es-Moll op. 39 Nr. 5 («Appassionato»)
Prélude E-Dur op. 32 Nr. 3 («Allegro vivace»)
Prélude G-Dur op. 32 Nr. 5 («Moderato»)
Prélude Des-Dur op. 32 Nr. 13 («Grave»)

Klavierrezital 2 mit Shio Okui | Dienstag, 14. Juli 2026, um 20 Uhr, Kirche Ernen

Mel Bonis zählt immer noch zu den stillen Grössen der französischen Musik- und Kompositionsgeschichte des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts. Schon ihr Vorname wirft ein Licht auf den Grund: Es ist eine Abkürzung ihres Vornamens Mélanie, die sie wählte, um ihr Geschlecht bei Veröffentlichungen ihrer Werke zu verschleiern. Denn trotz einer schon bestehenden Tradition bedeutender französischer Komponistinnen und Instrumentalistinnen von Hélène de Montgeroult über Louise Farrenc zu Cécile Chaminade war es für Frauen schwierig, in einer männlich beherrschten Musikwelt Anerkennung zu finden.

Hippolyte Maury, ein Freund der Familie und Kornett-Professor, sowie César Franck erkannten und förderten Bonis’ Begabung, so dass sie trotz Skepsis des Elternhauses am Pariser Conservatoire studieren konnte und dort bereits mit ersten Kompositionen Beachtung fand. Ihre Eltern zwangen sie jedoch zum Studienabbruch, als der Kommilitone Amadée-Louis Hettich um ihre Hand anhielt. Bonis wurde stattdessen in die Ehe mit einem 22 Jahre älteren Industriellen gedrängt; aus der heimlichen Liaison mit Hettrich ging Jahre später eine Tochter hervor – ein «Fehltritt», den sich die streng katholische Komponistin nie vergeben konnte.

Wirtschaftlich abgesichert schrieb und veröffentlichte Bonis zahlreiche Lieder, Kammermusik, Klavier-, Orgel-, Chor- und Orchesterwerke, war aber im Konzertleben wenig präsent. Shio Okui wählt für ihr Programm zwei Sätze aus den Trois pièces pour piano (1909), die mit weiteren musikalischen Porträts berühmter mythologischer und literarischer Frauengestalten den losen Zyklus Femmes de légende bilden. Sie belegen Bonis’ kompositorische Originalität und Meisterschaft, die den Vergleich mit den berühmten männlichen Kollegen Debussy, Ravel und Skrjabin nicht zu scheuen brauchen.

Die Gegenüberstellung von Bonis’ Stücken mit einer Klaviersonate Alexander Skrjabins ist also kein Zufall. Die zehn gezählten Sonaten bilden einen einzigartigen Archipel in der faszinierenden Geschichte dieser Gattung. Entstanden 1892–1913, werden sie in zwei Gruppen geteilt: Den Abschluss der ersten Gruppe bildet die zweisätzige 4. Sonate von 1903/04; ab der 5. Sonate sind alle Sonaten einsätzig-mehrteilig.

Die 3. Sonate von 1897/98, die Skrjabin 1908 auf einem Reproduktionsklavier einspielte, folgt in ihrer Viersätzigkeit äusserlich noch einem klassischen Modell. Vergleichbar Wagners Leitmotiv-Technik, werden die Satzcharaktere aber durch die Einführung einer übergreifenden thematischen Substanz einander angenähert. Bei ihr handelt es sich um die eröffnende rhythmisch-motivische Figur eines aufwärtsgerichteten punktierten Quartsprungs in Oktaven in der linken Hand, dem ein weiter aufsteigendes melodisches Fragment in der rechten Hand folgt. Das sich daraus entfaltende Klang-Drama deutete Skrjabin 1905 als Läuterungsprozess, der den schmerzvollen Kampf der Seele bis hin zum triumphalen Siegesgesang eines «Gott-Menschen» beschreibt. Bemerkenswert ist jedoch, dass die Sonate in Moll endet; erst die 4. Sonate in der Dur-Parallele Fis-Dur öffnet den Weg ins Licht.

Nach Simon Bürkis Rachmaninow-Programm vom Vorjahr wird Shio Okui uns erneut in die so verwandte, aber doch in eine ganz andere Richtung führende Klangwelt von Skrjabins Kommilitonen Sergei Rachmaninow führen, der – im Gegensatz zur Skrjabins Aufbruch in eine Klangwelt jenseits der alten tonalen Bindungen – an der Tonalität festhielt, die für ihn ein elementares menschliches Bedürfnis nach Erdung und Geborgenheit ausdrückte. Die Düsternis und Melancholie, die Rachmaninows Musik schon vor der Emigration des Komponisten 1917 aus Russland kennzeichnete, scheint darauf hinzudeuten, dass die Stillung dieses Bedürfnisses nicht möglich war.

Prof. Dr. Wolfgang Rathert

Mel Bonis 1858–1937
Phoebé op. 30
Salomé op. 100 Nr. 1

Alexander Nikolajewitsch Skrjabin 1872–1915
Klaviersonate Nr. 3 fis-Moll op. 23
Drammatico
Allegretto
Andante
Presto con fuoco – maestoso

Sergei Rachmaninow 1873–1943
Prélude B-Dur op. 23 Nr. 2 («Maestoso»)
Prélude D-Dur op. 23 Nr. 4 («Andante cantabile»)
Prélude c-Moll op. 23 Nr. 7 («Allegro»)
Prélude Ges-Dur op. 23 Nr. 10 («Largo»)
Étude-Tableau C-Dur op. 33 Nr. 2 («Allegro»)
Étude-Tableau c-Moll op. 33 Nr. 3 («Grave»)
Étude-Tableau es-Moll op. 39 Nr. 5 («Appassionato»)
Prélude E-Dur op. 32 Nr. 3 («Allegro vivace»)
Prélude G-Dur op. 32 Nr. 5 («Moderato»)
Prélude Des-Dur op. 32 Nr. 13 («Grave»)

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