Träume | Kammermusikfest 2026

Antonín Dvořák: Notturno H-Dur für Streichquintett op. 40
Claire-Mélanie Sinnhuber: Les roses héroïques für Klaviertrio (2021)
Mel Bonis: Klavierquartett Nr. 2 D-Dur op. 124
Franz Schubert: «Nacht und Träume» D 827 für Violoncello und Klavier
Camille Saint-Saëns: Klavierquartett B-Dur op. 41

Festkonzert 6 | Mittwoch, 12. August 2026, um 20 Uhr, Kirche Ernen

Im Zeichen der Nacht und Träume vereint dieses Programm ein weites Spektrum an romantischen Werken – einzig die Roses heroïques von Claire-Mélanie Sinnhuber stammen aus unserer Zeit. Doch deren Musik passt wunderbar ins Bild des ruhig dahingleitenden Traumes, mit raffinierten Texturen und sanft (wie Mondlicht) leuchtenden Harmonien. Den Titel entlehnt die Komponistin einem Werk Paul Klees – «wegen seines sanften Klangs, der Silbenwiederholung, der Assoziation mit einer Blume, aber vor allem wegen des darin enthaltenen Paradoxons». Das Stück entfalte sich aus «exquisiten Klängen (steinige Klänge des Klaviers, streichelnde Saiten)» und habe zum Ziel, «die Glut der Sanftheit hörbar zu machen».

Als Teil eines nicht veröffentlichten Streichquartetts komponierte Antonín Dvořák im Jahr 1870 unter dem Titel «Andante religioso» die Musik des Notturno, das 1883 als Einzelsatz den Weg an die Öffentlichkeit fand. Es ist einer der schönsten Sätze Dvořáks, der nach einer langsamen Einleitung der tiefen Instrumente bis zur Mitte des Satzes über einem fis-Orgelpunkt schwebt, bevor die Musik leidenschaftlicher und bewegter wird.

Die religiöse Stimmung prägt auch den Anfang von Mel Bonis’ Klavierquartett, das die damals 69-Jährige als ihr musikalisches Testament bezeichnete. Das Werk wurde am 26. Februar 1927 im Konzertsaal des Pariser Conservatoire vom Quartett der Brüder Léon und Alfred Zighera uraufgeführt – gewidmet dem Komponisten Gabriel Pierné, den Bonis in der Orgelklasse César Francks kennenlernte und mit dem sie freundschaftlich verbunden war. Zu diesem Zeitpunkt verbrachte die chronisch depressive Komponistin den Tag im Liegen, schlief und ass kaum, leidend unter Schmerzen, die heute wohl als psychosomatisch bezeichnet würden. In unglaublichem Gegensatz steht ihre Musik, die voller Vitalität, Feuer und Sinnlichkeit ist. Der Kopfsatz beginnt als tief empfundener Choral, der auch im elegant singenden Poco più vivo präsent ist und im kontemplativ hymnischen Schluss zurückkehrt. Es folgen ein zart ansetzendes Allegretto voller Überraschungen, in dem sich Jazzwalzer und ländliche Impressionen kreuzen; dann der langsame Satz mit seinen immensen, träumerischen Melodielinien und subtilen Dialogen der Instrumente, der in sphärischer Ruhe endet – ganz im Sinne von Bonis Aussage, die Musik sei «der ewige Kampf der Sehnsucht um das Glück», das «Streben nach einer Sache, die uns gleichzeitig zulächelt und sich uns entzieht». Das Werk endet mit dem in aufgeregtem h-Moll einsetzenden Finale in strahlendem H-Dur.

Franz Schubert schrieb 1823 das Lied «Nacht und Träume», mit dem Text von Matthäus von Collin, einem Vetter von Schuberts engem Freund Joseph von Spaun: Heil’ge Nacht, du sinkest nieder / nieder wallen auch die Träume / wie dein Mondlicht durch die Räume / durch der Menschen stille Brust. / Die belauschen sie mit Lust / rufen, wenn der Tag erwacht: / kehre wieder holde Nacht / holde Träume kehret wieder.

Das zweite grosse Klavierquartett des Abends schrieb Camille Saint-Saëns 1875, wenige Jahre nach dem Deutsch-Französischen Krieg, dessen Folge auch das neue musikalische Nationalbewusstsein Frankreichs war. Doch das Werk ist keine Kampfansage, vielmehr eine traumhafte Vision der Versöhnung, geprägt von Saint-Saëns’ Sympathie für Bach und Schumann. Es beginnt luftig leicht mit Arabesken, hymnischem Forte und schumanneskem Dialog der Streicher. Der zweite Satz ist eine Hommage an Bach mit mächtigen punktierten Akkorden, Choral und Fuge. Der dritte Satz ist eine Gespenstermusik à la Mendelssohn, an dessen Kammermusik auch das leidenschaftliche Finale erinnert, das in der grossen Schlussapotheose alle Themen aufgreift.

Jonathan Inniger

Antonín Dvořák 1841–1904
Notturno H-Dur für Streichquintett op. 40
Daniel Bard, Violine
Maja Horvat, Violine
Lilli Maijala, Viola
Samuel Niederhauser, Violoncello
Jordi Carrasco Hjelm, Kontrabass

Claire-Mélanie Sinnhuber *1973
Les roses héroïques für Klaviertrio (2021)
Schweizer Erstaufführung
Matteo Cimatti, Violine
Francesco Dillon, Violoncello
Joonas Ahonen, Klavier

Mel Bonis 1858–1937
Klavierquartett Nr. 2 D-Dur op. 124
Moderato – Più vivo
Allegretto
Lent
Final. Allegro
Maria Włoszczowska, Violine
Alessandro D’Amico, Viola
Chiara Samatanga, Violoncello
Francesco Granata, Klavier

Pause

Franz Schubert 1797–1828
«Nacht und Träume» D 827
Version für Violoncello und Klavier
Samuel Niederhauser, Violoncello
Alasdair Beatson, Klavier

Camille Saint-Saëns 1835–1921
Klavierquartett B-Dur op. 41
Allegretto
Andante maestoso ma con moto
Poco allegro più tosto moderato
Allegro
Chiara Sannicandro, Violine
Alinka Rowe, Viola
Miquel Garcia Ramon, Violoncello
Alasdair Beatson, Klavier

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