Vom Quell' zum Meer | Kammermusikfest 2026

Franz Liszt: «Au bord d’une source»
Bedřich Smetana: «Vltava» («Die Moldau»)
Camille Saint-Saëns: Barcarolle für Violine, Viola, Violoncello und Klavier op. 108
Per Nørgård: «Towards Completion: Fire over Water» (1982)
Claude Debussy: La Mer. Trois esquisses symphoniques L. 109

Festkonzert 2 | Dienstag, 4. August 2026, um 20 Uhr, Kirche Ernen

Nachdem das Fliessen der Luft im Zentrum des Eröffnungskonzerts gestanden hat, nehmen wir nun das paradigmatisch Flüssige in den Blick: das Wasser. Es ist wohl das Element mit den meisten und vielfältigsten musikalischen Ausdrucksformen. Wie jeder noch so mächtige Fluss beginnt unser Programm an einer filigranen Quelle, von der Franz Liszts Klavierstück «Au bord d’une source» inspiriert ist. Es war die Reise über den Furkapass – nahe an vier Quellen grosser Flüsse (Reuss, Rhein, Ticino, Rhone) –, die den damals 23-jährigen Klaviervirtuosen zu diesem Werk inspirierte und die Liszt am 28. Juni 1835 auch durch Ernen führte. Das Stück lässt in hohen Lagen des Klaviers das Plätschern des Wassers mit kräuselnden Bewegungen erscheinen und wurde gleich nach der Ankunft in Genf niedergeschrieben und als Teil von Liszts Album d’un voyager (1841), später auch im Zyklus Années de pélérinage I (1858), veröffentlicht. 1878 bearbeitete es der ungarische Violinist Edmund (Ödön) Singer, den Liszt als Hofkonzertmeister in Weimar kennenlernte, für drei Violinen – eine künstlerische Freundschaftsgeste, die Liszt verdankte mit den Worten: «Ihre reizende, geniale Illustration meiner kleinen Quelle erfreut mich auf’s neue. Die 3 Violinen fliessen, plätschern, sprudeln, singen – und klingen wie regenbogenfarbig.» Von der majestätischen Moldau liess sich Bedřich Smetana zu seinem berühmtesten Werk inspirieren. In diesem 1874 komponierten Orchesterstück, das gewissermassen zur inoffiziellen tschechischen Nationalhymne wurde, zeichnet er den Weg nach von den beiden leise rieselnden Quellen, die sich bald vereinen, durch von Jagdhörnern symbolisierte Wälder, vorbei an ländlichen Hochzeiten und Nymphenreigen im Mondschein, durch die (heute aufgrund eines Stausees nicht mehr existierenden) St.-Johann-Stromschnellen zum breiten Strom, der schliesslich in voller Kraft unter dem Festungsberg Vyšehrad durch Prag fliesst. Wir hören Smetanas eigene Bearbeitung für Klavier vierhändig, die dieser noch vor der Orchesterfassung publizierte. Als Charakterstück für Klavierquartett schrieb Camille Saint-Saëns 1897 seine Barcarolle im Geist der romantischen Schifferlied-Vorstellung, die zuvor schon Mendelssohn, Chopin und Fauré anregte. Ursprünglich mit Harmonium (statt Bratsche), schrieb Saint-Saëns 1908 die finale Version, weil doch das 1842 erfundene Harmonium schon wieder an Popularität eingebüsst hatte. Die Musik führt vom ruhig wiegenden Wasser mit verspieltem Kräuseln in wildere, leidenschaftlichere Gefilde, bevor sie uns wieder in den ruhigen Hafen zurückbringt. Von viel abstrakterem Wasser und von sich überlagernden rhythmischen Wellen ist Per Nørgårds letztes der vier Solowerke für Perkussion aus I Ching inspiriert. Wenn er auch einer der führenden dänischen Avantgarde-Komponisten des 20. Jahrhunderts war, so war es immer Nørgårds Anspruch, dass die Zuhörenden den musikalischen Verlauf hörend nachvollziehen können. Sein von den antiken chinesischen Orakelsymbolen Feuer und Wasser ausgehendes Stück besteht aus langsam an- und wieder abschwellenden Klangwellen als Symbole der ewigen Veränderung in der Welt. Nicht das Feuer, sondern der Wind im Dialog mit dem Wasser bildet den Abschluss der drei sinfonischen Meer-Skizzen von Claude Debussy. Hier bilden sich grosse Flutwellen, genau wie auf der von Debussy geliebten Grossen Welle vor Kanagawa von Katsushika Hokusai, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Europa populär wurde. Davor erkundet Debussy im Eröffnungssatz «Von der Morgendämmerung bis zum Mittag auf dem Meer» die subtilen Lichtveränderungen auf dem Wasser im Morgengrauen, gefolgt von der Schönheit der unberechenbaren Bewegung im «Wellenspiel».

Jonathan Inniger

Franz Liszt 1811–1886
«Au bord d’une source» aus Années de pèlerinage – Première année: Suisse
Bearbeitung für drei Violinen von Edmund Singer (1831–1912)
Chiara Sannicandro, Violine | Matteo Cimatti, Violine | Daniel Bard, Violine

Bedřich Smetana 1824–1884
«Vltava» («Die Moldau») aus Má vlast (Mein Vaterland) JB 1:112
Bearbeitung für Klavier zu vier Händen von Bedřich Smetana
Joonas Ahonen, Klavier | Alasdair Beatson, Klavier

Camille Saint-Saëns 1835–1921
Barcarolle für Violine, Viola, Violoncello und Klavier op. 108
Maria Włoszczowska, Violine | Alessandro D’Amico, Viola | Miquel Garcia Ramon, Violoncello | Joonas Ahonen, Klavier

Per Nørgård 1932–2025
«Towards Completion: Fire over Water (hexagram no. 64)» für Perkussion solo aus I Ching (The Book of Changes) (1982)
Santiago Villar Martín, Perkussion

Claude Debussy 1862–1918
La Mer. Trois esquisses symphoniques pour orchestre L. 109
Bearbeitung für Klaviertrio von Sally Beamish *1956
De l'aube à midi sur la mer
Jeux des vagues
Dialogue du vent et de la mer
Maja Horvat, Violine | Samuel Niederhauser, Violoncello | Alasdair Beatson, Klavier

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