Wien | Trio Gaspard
Ludwig van Beethoven: Klaviertrio Es-Dur op. 70 Nr. 2
Fritz Kreisler: Vier Stücke für Klaviertrio (Farewell to Cucullain / «Londonderry Air» / «Oh Danny Boy»; The Old Refrain / «Du alter Stephansthurm»; Marche miniature viennoise; Caprice viennois)
Erich Wolfgang Korngold: Klaviertrio D-Dur op. 1
Kammerkonzert 1 im Rahmen von Kammermusik kompakt | Freitag, 3. Juli 2026, um 20 Uhr, Kirche Ernen
Du alter Stephansthurm, duliäh! / Du bist der Freund der Wiener Kinder eh’!
Zur Taufe ziehen sie in Windeln schon / zur Kirche hin in langer Prozession.
Es rufet lockend Deiner Glocken Ton / verliebtes Volk zum eh’lichen Sermon.
Und wenn geschlagen uns die letzte Stund’ / so läuten sie zur Ruh’ mit eh’rnem Mund!
Nimm heut’ die Grüsse Deiner Kinder hin / ein Hoch dem Wächter uns’res schönen Wien!
So singt der Titelheld in Johann Brandls Operette Der liebe Augustin (1887) eine Ode an den Turm des Stephansdoms, Wahrzeichen und Identifikationsobjekt Wiens – und zwar auf eine typisch wienerische, ebenso süsslich-wehmütige wie ironische Melodie, die durch Fritz Kreisler als «The Old Refrain» bekannt wurde. Das Wiener Stadtoriginal «Der liebe Augustin» ist ein fiktiver Bänkelsänger, der gemäss der Legende aus unerklärlichen Gründen trotz leichtfertigem Verhalten den Pestausbruch überlebt. Er ist der Inbegriff dafür, dass man mit Humor alles überstehen kann – ein zentraler Aspekt des «Wiener Schmähs», der auch die humorvolle «Marche miniature viennoise» und den ironisch überzeichneten «Caprice viennois» prägt, während die irische Melodie «Farewell to Cucullain» eine eher internationale Kaffeehausmusik voller Sentimentalität ist.
Demgegenüber stehen im Eröffnungskonzert zwei Werke von hohem Kunstanspruch: Beethoven lässt in seinem Trio Es-Dur durch den feierlichen Anklang an den Stile Antico ein ernsteres Werk erwarten, als es dann tatsächlich ist: Der Kopfsatz ist freundlich verspielt, das Allegretto hat den Gestus einer humorvollen Gavotte und verweist vielleicht auf etwas tollpatschige Tanzübungen ungeübter Aristokraten. Es folgen ein lieblich singendes Allegretto und das heiter unbeschwerte Finale.
Erst zwölf Jahre jung war Erich Wolfgang Korngold, als er sein beeindruckend reifes Klaviertrio als Opus 1 veröffentlichte. Es war nicht seine erste Komposition, aber sein Vater, der als Musikkritiker die Medienwelt gut kannte, wollte sicherstellen, dass der Schritt in die Öffentlichkeit mit einem gewichtigen Werk erfolgte – in unbescheidener Anlehnung an Beethoven, dessen Opus 1 ebenso Klaviertrios waren.
Das Trio hat die melodische und harmonische Opulenz, die Korngold auch in seinen Filmmusiken behielt. Gerade die selbstsicher traumwandlerische Anfangsmusik bringt die Stimmung des Fin de Siècle mustergültig zum Ausdruck. Darauf folgen ein zupackendes Scherzo, ein singendes Larghetto voll faszinierender harmonischer Ungewissheiten und ein Finale mit vielfältigen Stimmungsmomenten, dessen Ende im schnellen Walzertempo auf Korngolds Heimat verweist, die dieser mit Fritz Kreisler ebenso teilte wie die jüdische Herkunft, die spätere Heimat in den USA und die Liebe zur goldenen Zeit der Wiener Operette.
Jonathan Inniger
Ludwig van Beethoven 1770–1827
Klaviertrio Es-Dur op. 70 Nr. 2
Poco sostenuto – Allegro, ma non troppo
Allegretto
Allegretto, ma non troppo
Finale. Allegro
Fritz Kreisler 1875–1962
Vier Stücke für Klaviertrio
Farewell to Cucullain («Londonderry Air» / «Oh Danny Boy»)
The Old Refrain («Du alter Stephansthurm» aus Der liebe Augustin von Johann Brandl)
Marche miniature viennoise
Caprice viennois
Erich Wolfgang Korngold 1897–1957
Klaviertrio D-Dur op. 1
Allegro non troppo, con espressione
Scherzo. Allegro
Larghetto
Finale. Allegro molto e energico
Trio Gaspard:
Jonian Ilias Kadesha, Violine
Vashti Hunter, Violoncello
Nicholas Rimmer, Klavier
Wie schon 2024 umspannt das dichte Wochenend-Programm mit dem Trio Gaspard Anfang Juli 2026 die gesamte Klaviertrio-Geschichte vom prägenden Übervater Joseph Haydn bis zur Uraufführung eines Werks von Giovanni Sollima. Dabei erklingen neben den Klaviertrio-Klassikern wie Beethoven, Schubert, Robert und Clara Schumann, Dvořák und Fauré auch seltener gehörte Werke aus der umfangreichen Klaviertrio-Literatur: Vertreten ist der Vater der französischen Kammermusik, Camille Saint-Saëns, ebenso wie seine Pariser Kolleg*innen Lili Boulanger, Mel Bonis – die als Erner «Composer to Discover» mit ihrem Gesamtwerk für Klaviertrio vertreten ist –, deren Klassenkamerad Claude Debussy sowie die über viele Jahre in Paris lebenden Joaquín Turina und Bohuslav Martinů. Zudem kommt neben dem folkloristisch gefärbten Trio des Armeniers Arno Babadschanjan auch das Opus 1 des Wiener Wunderkindes Erich Wolfgang Korngold zur Aufführung, kontrastiert durch Musik des Jahrhundert-Violinisten Fritz Kreisler.