Wunderkinder und andere Entdeckungen | Barock 2026

G. Ph. Telemann: Ouverture-Suite Es-Dur für 2 Oboen, Fagott, Streicher und B. c. TWV 55:Es5
P. Hellendaal: Sonate D-Dur für Violoncello und B. c. op. 5 Nr. 2
S. Bodinus: Sonate Nr. 1 Es-Dur für 2 Oboen und B. c.
J. F. Fasch: Konzert C-Dur für Fagott und Streicher FaWV L:C2
J. G. Goldberg: Sonate c-Moll für 2 Violinen, Viola und B. c. DürG 14
G. Ph. Telemann: Konzert D-Dur für 2 Oboe d’amore, Violoncello, Streicher und B. c. TWV 53:D3

Barockkonzert 1 | Sonntag, 19. Juli 2026, um 18 Uhr, Kirche Ernen

Ist die Rede von Wunderkindern im 18. Jahrhundert, so denken wir an Mozart. Doch bevölkerten damals weitere höchst talentierte Kinder die Musikwelt, etwa Pieter Hellendaal. Der Sohn eines Teilzeit-Musikers aus Rotterdam zog 1731 nach Utrecht, wo er – vom Vater ausgebildet – noch vor seinem 11. Geburtstag zum Organisten der Nicolaïkerk wurde. Vier Jahre später wurde Mattheus Lestevenon – Amsterdamer Stadtschreiber aus einer mächtigen Familie – auf Hellendaals Talent als Violinist aufmerksam und finanzierte ihm einen Studienaufenthalt in Italien. Zurück in Amsterdam erlangte er 1744 das Druckpatent, woraufhin sein Opus 1 erschien – natürlich Lestevenon gewidmet.

Gelegentlich spielte er für den Prinzen Wilhelm IV. in Den Haag. Dessen Frau, Prinzessin Anne (Tochter des englischen Königs), wies ihn wohl darauf hin, dass er in England bessere Aussichten auf sicheres Einkommen hätte. Ab 1752 machte er sich in London einen Namen als Geiger und Organist, doch erst 1762 fand er als Organist in Cambridge seinen letzten Wirkungsort, hier widmete er seine acht Cellosonaten op. 5 (ca. 1780) einem «Mr. John Anderson, Merchant of Cambridge». Die Musik ist galant in einer spätbarocken Tradition, mit sanft empfindsamem Adagio, singendem Allegro, italienisch anmutendem Affettuoso und französisch tanzendem Rondo.

Auch Johann Friedrich Faschs Talent wurde früh erkannt, er kam als 12-jähriger Diskantist zur Hofkapelle Weissenfels, die er nach einem Jahr verliess, um Thomasschüler in Leipzig zu werden. Hier musste er sich das Klavier- und Violinspiel aufgrund fehlender Mittel autodidaktisch beibringen, konnte aber bald im Collegium Musicum des ebenfalls 1701 (für das Jurastudium) nach Leipzig gekommenen Telemann mitspielen. Fasch komponierte bald so geschickt, dass er seinen Kollegen eine eigene Ouvertüre als Werk Telemanns ausgeben konnte! Sein Fagottkonzert stammt aus späterer Zeit und verbindet ein elegantes Allegro, ein dramatisch italienisches Largo und ein lebhaftes Allegro.

Dieselbe italienische Grundtendenz – jedoch mit bemerkenswerter kontrapunktischer Dichte in den schnellen Sätzen – hat die Sonate c-Moll von Johann Gottlieb Goldberg, dem Meisterschüler J. S. Bachs. Goldberg, in Danzig geboren, wurde aufgrund seines Talents wohl schon als 10-Jähriger vom russischen Gesandten Keyserlingk nach Dresden mitgenommen, wo er von W. F. Bach unterrichtet wurde. Er wurde insbesondere für sein phänomenales Spiel vom Blatt bewundert, worauf die Anekdote des Bach-Biografen Forkel beruht, Bach habe seine monumentalen Variationen im Auftrag Keyserlingks für Goldberg geschrieben.

Sebastian Bodinus taucht als 18-Jähriger als «Lakai und Musicus» in der neuen markgräflichen Residenz in Karlsruhe auf. Trotz mehrfacher Entlassung in politisch unruhigen Zeiten kehrte der Konzertmeister Bodinus immer zurück. Seine ab 1726 in Augsburg gedruckten Musicalischen Divertissements waren mit ihren sechs Mal sechs Trio- bzw. Quadrosonaten ein Musikdruck-Projekt von beachtlichem Umfang. Die Sonate Es-Dur zeigt, dass sich Bodinus an Telemanns typisch deutschem «vermischten Geschmack» orientierte.

Die Suite Es-Dur fertigte Telemann aus einer Solo-Sonate aus der «Kleinen Cammer-Music» an und fügte eine Ouverture hinzu, während das abschliessende Konzert D-Dur als Opernsinfonia zum zweiten Teil von Das Ende der Babylonischen Monarchie oder Belsazer (1727) entstand.

Jonathan Inniger

Georg Philipp Telemann 1681–1767
Ouverture-Suite Es-Dur für zwei Oboen, Fagott, Streicher und B. c. TWV 55:Es5
Ouverture. Gravement – Vite – Gravement – Preludio. Affettuoso – Aria I. Presto – Aria II. Vivace – Aria III. Tempo di Ciacona – Aria IV. Allegro –
Aria V. Allegro – Aria VI. Tempo di minuet. Allegro

Pieter Hellendaal 1721–1799
Sonate D-Dur für Violoncello und B. c. op. 5 Nr. 2
Adagio – Allegro – Affettuoso – Rondo

Sebastian Bodinus 1700–1759
Sonate Nr. 1 Es-Dur für zwei Oboen und B. c.
[Andante] – Allegro – Siciliana – Allegro assai

Johann Friedrich Fasch 1688–1758
Konzert C-Dur für Fagott, Streicher und B. c. FaWV L:C2
Allegro – Largo e sforzato – Allegro

Johann Gottlieb Goldberg 1727–1756
Sonate c-Moll für zwei Violinen, Viola und B. c. DürG 14
Largo – Allegro – Grave – Giga

Georg Philipp Telemann
Konzert D-Dur für zwei Oboi d’amore, Violoncello, Streicher und B. c. TWV 53:D3
[Allegro] – Dolce – Allegro

Aernen Barock, Leitung Ada Pesch und Deirdre Dowling

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