Zwischen Himmel und Hölle | Barock 2026

G. Sammartini: Konzert g-Moll für Oboe, Streicher und B. c. op. 8 Nr. 5
A. Vivaldi: Motette «Filiae maestae Jerusalem» RV 638
A. Vivaldi: Konzert D-Dur für Violoncello, Streicher und B. c. RV 404
J. F. Fasch: Sonate d-Moll für 2 Oboen, Fagott und B. c. FaWV N:d2
C. Schaffrath: Duetto g-Moll für Fagott und B. c. CSWV F:23
J. S. Bach: Kantate «Vergnügte Ruh, beliebte Seelenlust » BWV 170

Barockkonzert 4 | Dienstag, 28. Juli 2026, um 20 Uhr, Kirche Ernen

Ob in Vivaldis katholischem Venedig, das eifrig als Sündenpfuhl und damit als veritable Hölle auf Erden bezeichnet wurde, oder im ungleich strengeren, lutherischen Leipzig Bachs – die Vorstellung der Hölle als ewiger Ort für Ungläubige war im frühen 18. Jahrhundert weit verbreitet. Das Versprechen auf den ewigen Frieden im Himmel galt nur für diejenigen, die daran glaubten, Jesus sei für die Sünden der Menschheit gestorben und danach auferstanden. Und das Versprechen galt auch nur denjenigen, die dem rechten Glauben entsprechend lebten.

In Antonio Vivaldis für die Karwoche komponierten Introduktion zu einem nicht erhaltenen Miserere werden daher die Mädchen des Ospedale della Pietà und die Gläubigen gleich zu Beginn im Accompagnato-Rezitativ dazu aufgerufen, den Schmerz des gekreuzigten Jesu mitzufühlen; jedoch nicht um ihn zu trauern, sondern um uns Menschen. Die ruhige Arie «Sileant zephyri» zeichnet in f-Moll eine spröde und dunkle Welt angesichts des Todes Jesu, bevor das abschliessende Rezitativ in starken Wortausdeutungen eine bedrohliche Stimmung kreiert und fragt, weshalb unser Herz angesichts des Todes Jesu nicht selbst auch bricht, schliessend in der Bitte, Jesus möge sich erbarmen, unser aller, die nicht genug trauern können.

Diese Motette wurde vermutlich für die Signora Geltruda komponiert, die wohl ihr ganzes Leben im Ospedale della Pietà verbrachte. Sie spielte unter anderem die Violetta (Bratsche) und Theorbe, wurde aber hauptsächlich für ihre «sehr zarte» Altstimme geschätzt, die nicht für virtuose Passagen, sondern für getragene, ausdrucksstarke Melodien ideal war.

Der Leipziger Gottesdienst am 28. Juli 1726 handelte davon, dass Jesus in der Bergpredigt zum Gebot «Du sollst nicht töten» sagte, wer «mit seinem Bruder zürne», ihn als «Nichtsnutz» oder «Narr» bezeichne, sei auf bestem Wege in die Hölle. Der Gottesdienst stand also unter der Frage, wie wir miteinander umgehen, und Johann Sebastian Bachs Kantate reflektiert dies ausdrucksstark.

Zu Beginn wird eine elysische Idylle gezeichnet mit einer wunderschön wiegenden, sehnsüchtigen Pastorale als Ausdruck der «vergnügten Ruh» und der «Seelenlust», die nur bei «Himmelseintracht» und nicht bei den erwähnten «Höllensünden» gefunden wird. Das Rezitativ kontrastiert die Himmelsmusik und zeigt die Welt als «Sündenhaus», schliessend mit dem Seufzer, dass diese menschliche Schuld «schwerlich zu verbeten» sei – also kaum durch Beten abgetragen werden könne.

Die zweite Arie klagt im Stil eines italienischen Opern-Lamentos über die «verkehrten Herzen» und drückt im Part der konzertanten Orgel virtuos die Freude am Bösen und das Verlachen der Gebote aus. Das Rezitativ fragt, wer auf so einer Welt zu leben wünschen könne – denn die Tugend gebietet es, auch Gottes Feinde zu lieben. Und die Schluss-Arie wünscht das ewige, himmlische Leben, Bezug nehmend auf den im Gottesdienst ebenfalls gelesenen 6. Römerbrief, wo bekräftigt wird, dass die Gläubigen dank des erlösenden Todes Jesu (– mitgefühlt bei Vivaldi! –) darauf hoffen dürfen.

Ergänzt werden die Vokalwerke durch ein 1752 gedrucktes Oboenkonzert Giuseppe Sammartinis, das in Form einer italienischen Opernarie (A–B–A) die ernste und klagende Stimmung vorbereitet für die Motette Vivaldis; dessen spielfreudiges und als Frühwerk vermutetes Cellokonzert D-Dur; eine Quadrosonate in d-Moll von J. F. Fasch mit besonders für das Fagott virtuosen Passagen in den stürmischen Allegro-Sätzen; sowie einer galanten, als «Duetto» bezeichneten Sonate für Fagott und Basso continuo des in Berlin für die musikliebende Prinzessin Anna Amalia tätigen Komponisten Christoph Schaffrath mit der zum Entstehungszeitpunkt um 1760 populären Satzfolge langsam-schnell-schnell.

Jonathan Inniger

Giuseppe Sammartini 1695–1750
Konzert g-Moll für Oboe, Streicher und B. c. op. 8 Nr. 5
Andante sostenuto – Allegro assai – Andante sostenuto

Antonio Vivaldi 1678–1741
Motette «Filiae maestae Jerusalem» für Alt, Streicher und B. c. RV 638
Rezitativ «Filiae maestae Jerusalem»
Arie «Sileant zephyri» 
Rezitativ «Sed tenebris diffusis»

Konzert D-Dur für Violoncello, Streicher und B. c. RV 404
Allegro – Affettuoso – Vivace

Johann Friedrich Fasch 1688–1758
Sonate d-Moll für zwei Oboen, Fagott und B. c. FaWV N:d2
Andante – Allegro – Cantabile – Allegro

Christoph Schaffrath 1709–1763
Duetto g-Moll für Fagott und B. c. CSWV F:23
Andante – Allegro assai – Allegro

Johann Sebastian Bach 1685–1750
Kantate «Vergnügte Ruh, beliebte Seelenlust» für Alt, Oboe d’amore, Streicher und B. c. BWV 170
Arie «Vergnügte Ruh, beliebte Seelenlust»
Rezitativ «Die Welt, das Sündenhaus»
Arie «Wie jammern mich doch die verkehrten Herzen»
Rezitativ «Wer sollte sich demnach wohl hier zu leben wünschen»
Arie «Mir ekelt mehr zu leben»

Beth Taylor, Mezzosopran
Aernen Barock, Leitung Ada Pesch und Deirdre Dowling

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