Eine Pianistin auf der Suche nach dem Unbekannten
Die Oberwalliser Pianistin Vivien Heinzmann gibt sich nicht mit dem Standardrepertoire zufrieden. Sie liebt musikalische Entdeckungen.
Vier stur wiederholte Viertelnoten. Dann ein fünfter Ton, der sich in virtuosen Verzierungen verliert. So beginnt das Klavierstück Tallying des australischen Komponisten Brett Dean, diesjähriger Composer in Residence am Musikdorf Ernen. Die musikalische Idee dahinter? Eine Strichliste, mit der ein Gefangener die Tage seiner Haft zählt. Vier Striche senkrecht, der fünfte quer darüber.
Entstanden ist das Werk 2018 für eine Gedenkveranstaltung im südafrikanischen Drakenstein-Gefängnis, in dem Nelson Mandela den letzten Teil seiner Haft verbrachte.
Mit dem gängigen Klavierrepertoire allein gibt sich Vivien Heinzmann nicht zufrieden. Die 23-jährige Pianistin aus Visperterminen beschäftigt sich ebenso gerne mit bekannten Meisterwerken wie mit Stücken, die im Konzertsaal kaum zu hören sind. Besonders angetan hat es ihr die zeitgenössische Musik. Schon als Teenagerin war sie stets auf der Suche nach musikalischem Neuland.
Im vergangenen Jahr gab Vivien Heinzmann bereits ein Rezital in Ernen. Dafür arbeitete sie mit der damaligen Komponistin in Residence, Claire-Mélanie Sinnhuber, zusammen. Zwei Videoaufnahmen legen davon beredtes Zeugnis ab:
Von Engelsflügeln und Hafenkneipen
Für ihr diesjähriges Rezital kann Vivien Heinzmann mit Brett Dean gleich zwei Werke einstudieren: nebst seinem Werk «Tallying» auch seine dreisätzige «Hommage à Brahms». Darin beschäftigt sich der australische Komponist mit Brahms’ Leben. Die beiden äusseren Sätze tragen den Titel «Engelsflügel» und spielen auf seine komplizierte Beziehung zu Clara Schumann an. Dazwischen erklingt eine «Hafenkneipenmusik». Als junger Pianist soll Brahms nämlich in Hamburger Hafenkneipen aufgespielt haben. Ob Legende oder Fakt ist in der Musikwissenschaft umstritten.
Brett Dean konzipiert sein Werk als Zwischenspiele zu Brahms' Vier Klavierstücken op. 119. Aus diesem Werk interpretiert Vivien Heinzmann die drei Intermezzi. Ihr Credo: «Bei Brahms muss man klare musikalische Vorstellungen entwickeln und diese mit Überzeugung umsetzen.»
Im Programm gibt es noch eine Entdeckung zu machen: die Klaviersonate Nr. 1 in g-Moll von Caroline Boissier-Butini (1786–1836), eine Genfer Komponistin, deren Musik lange in Vergessenheit geraten war. «Ihre Klaviersonate steht irgendwo zwischen Klassik und Romantik und hat etwas ausgesprochen Improvisatorisches. Manchmal glaube ich sogar, darin Schweizer Volksmusik zu hören», erzählt Vivien Heinzmann.
Vom PreCollege ans Royal College
Bereits während ihrer Schulzeit am Kollegium Spiritus Sanctus in Brig besuchte Vivien Heinzmann das PreCollege in Bern. Diesen Sommer schloss sie an der Hochschule der Künste Bern ihr Bachelorstudium bei Antoine Françoise ab. Seit September studiert sie am renommierten Royal College of Music in London bei Richard Uttley.
Eine besondere Vorliebe hat die junge Pianistin für Klaviertranskriptionen von Orchesterwerken. Diesem Thema widmete sie auch ihre Bachelorarbeit über Richard Wagner. Passend dazu bilden Klavierstücke aus Prokofjews Ballett Romeo und Julia den Schlusspunkt ihres Rezitals.
Das Klavierrezital findet am Sonntag, 18. Oktober, um 14 Uhr im Tellenhaus in Ernen statt. Der Eintritt ist frei. Es gibt eine Kollekte.
Ernen, 13. Oktober 2026, Andreas Zurbriggen (Komponist und Musikpublizist)



