Rita Strohl (1865–1941)

Frei, unkonventionell und unerschrocken

Es gibt Komponistinnen, deren Wiederentdeckung überrascht. Und es gibt jene, bei denen man sich fragt, wie ihr Name überhaupt in Vergessenheit geraten konnte. Rita Strohl gehört zweifellos zur zweiten Kategorie.

Zu Lebzeiten wurde die französische Komponistin von bedeutenden Musikerpersönlichkeiten wie Pablo Casals und Jane Bathori geschätzt, ihre Werke wurden im Frankreich der Belle Époque diskutiert und von der Kritik ebenso leidenschaftlich gefeiert wie bekämpft. Heute aber ist ihr Name selbst unter Musikliebhabern noch weitgehend unbekannt. Dabei hinterliess sie ein aussergewöhnlich vielfältiges Œuvre, das von feinsinnigen Liedern über hochvirtuose Kammermusik bis hin zu gigantischen, visionären Musikdramen reicht.

Freigeist von Anfang an

1865 im bretonischen Lorient geboren, wuchs Rita Strohl in einem künstlerisch geprägten Umfeld auf. Früh zeigte sich ihre aussergewöhnliche musikalische Begabung, die sie ans Pariser Conservatoire führte. Doch schon als junge Komponistin ging sie konsequent ihren eigenen Weg. Literarische Inspirationen, spirituelle Fragestellungen und eine enge Verbindung zur Natur durchziehen ihr gesamtes Schaffen. Nach dem frühen Tod ihres ersten Ehemanns wandte sie sich zunehmend philosophischen und mystischen Themen zu und entwarf monumentale Werkzyklen, deren Dimensionen die Werke Richard Wagners noch überbieten. Gleichzeitig blieb sie stets eine Meisterin des Intimen, des Poetischen und der feinen klanglichen Nuancen.

Gerade diese Verbindung von persönlicher Expressivität, formaler Eigenständigkeit und klanglicher Fantasie macht ihre Musik heute so faszinierend. Strohls Werke entziehen sich einfachen Schubladen: Sie stehen zwischen französischer Spätromantik und Symbolismus, zwischen salonhafter Eleganz und visionärem Überschwang. Immer wieder überraschen sie durch unerwartete Wendungen, farbenreiche Klangwelten und einen unverwechselbaren Sinn für musikalisches Erzählen.

Vielfalt hörbar machen

Das Musikdorf präsentiert Rita Strohl in ihrer ganzen stilistischen Vielfalt. Die Barcarolle aus dem Klavier-Zyklus Musiques sur l’eau eröffnet einen Blick auf Strohls poetische Naturverbundenheit. Die kammermusikalischen Werke, darunter das frühe Streichquartett g-Moll, das Klavierquartett d-Moll, das Klaviertrio d-Moll und das wunderschöne Trio mit Klarinette Arlequin et Colombine, zeigen eine Komponistin von beeindruckender handwerklicher Sicherheit und melodischer Erfindungskraft. Mit der gross angelegten Sonate dramatique «Titus et Bérénice» begegnen wir einer Künstlerin, die literarische Stoffe mit beinahe opernhafter Intensität in Kammermusik verdichtet.

Besonders eindrücklich offenbart sich Rita Strohls Begabung in ihren Liedern. Die Vertonungen von Baudelaire und Verlaine verbinden sprachliche Sensibilität mit aussergewöhnlicher Klangraffinesse. Einen Höhepunkt bildet der Zyklus Bilitis (nach Gedichten von Pierre Louÿs), der in direkter Nachbarschaft zu den berühmten Vertonungen Claude Debussys entstand und einer der überzeugendsten Beiträge zum musikalischen Symbolismus seiner Zeit ist.

Rita Strohl war eine kompromisslose Einzelgängerin, die sich wenig um ästhetische Moden kümmerte. Gerade deshalb wirkt ihre Musik heute erstaunlich frisch und unverbraucht. Wer ihr begegnet, entdeckt nicht nur eine zu Unrecht vergessene Komponistin, sondern eine eigenständige künstlerische Stimme von grosser Originalität. Das Composer to Discover-Projekt 2027 lädt dazu ein, dieses faszinierende Œuvre neu kennenzulernen – und vielleicht zu verstehen, weshalb die Wiederentdeckung Rita Strohls längst überfällig ist.

Folgende Werke von Rita Strohl werden 2027 am Festival Musikdorf Ernen aufgeführt:

Freitag, 9. Juli, 20 Uhr | Klavierrezital Tähe-Lee Liiv
«Barcarolle» aus Musiques sur l’eau (1903)

Sonntag, 8. August |  Kammermusikfest
15 Uhr: Vortrag von Jonathan Inniger über Leben und Werk
Arlequin et Colombine für Klarinette, Violoncello und Klavier (1898)

Dienstag, 10. August, 20 Uhr | Kammermusikfest
Fünf Lieder nach Texten von Baudelaire (1894)

Donnerstag, 12. August, 20 Uhr | Kammermusikfest
Trio für Violine, Violoncello und Klavier Nr. 2 d-Moll (1888)

Samstag, 11. September, 20 Uhr | Lisa Tourniaire, Sopran, und Mathis Calzetta, Klavier
«Les remords», «Bilitis» und «La nuit» aus Bilitis (1898)
«Chanson d’automne» und «Moulin à vent» aus Dix poésies mises en musique (1901)

Sonntag, 12. September, 14 Uhr | Jiayi Liu und Mikołaj Woźniak
Sonate dramatique «Titus et Bérénice» für Violoncello und Klavier (1898)

Sonntag, 24. Oktober, 14 Uhr | Moser String Quartet
Streichquartett g-Moll (1884)

Samstag, 13. November, 17 Uhr | Wendel Quartet
Klavierquartett d-Moll (1891)

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