Der Welt mit offenen Sinnen begegnen

Claire-Mélanie Sinnhuber lässt die Klänge ihrer Umgebung in ihre Musik einfliessen. Für Ernen hat sie mit Dinggedicht ein Konzert für Klavier und acht Instrumente geschrieben.

Die Komponistin Claire-Mélanie Sinnhuber begegnet der Welt mit offenen Sinnen. Beim Gespräch auf der Holzbank unter der grossen Linde vor der Erner Kirche wird dies bereits nach wenigen Augenblicken spürbar.

Ein Vogelzwitschern. Eine Nuance des Verkehrslärms. Die Tonhöhe der Kirchenglocke. All das registriert die diesjährige Komponistin in Residence mit wacher Aufmerksamkeit. Die Welt scheint bei ihr bis in die feinsten Poren zu dringen.

«Ich bin eine Komponistin, die gerne mit offenem Fenster arbeitet.» Diesen Satz meint Claire-Mélanie Sinnhuber durchaus auch metaphorisch. Ihre Alltagswahrnehmungen fliessen in ihre Musik mit ein. Bewusst. Oder unbewusst. Der Ton «fis» der Erner Kirchenglocke etwa hat sich fast unmerklich in ihr Werk Dinggedicht eingeschlichen, das nun zur Uraufführung gelangt.

Resonanz und Stille

Sinnhuber schrieb Dinggedicht eigens für die Musiker*innen in Ernen. Ihre Hauptinspiration? Der Pianist Alasdair Beatson, zugleich künstlerischer Leiter des zweiwöchigen Kammermusikfests im Musikdorf. «Als ich ihn im letzten Jahr in Ernen spielen hörte, war ich sofort von der Klarheit seines Spiels beeindruckt», sagt Sinnhuber.

Entstanden ist ein Konzert für Klavier und acht Instrumente. Wer ein Werk erwartet, bei welchem dem Pianisten ein Klangteppich für seine solistische Entfaltung ausgebreitet wird, ist auf der falschen Fährte. Das Zentrum oder, wie Sinnhuber sagt, die Wirbelsäule des Werks bildet zwar tatsächlich das Klavier, die acht Instrumente treten jedoch in ein virtuoses Wechselspiel mit dem Solisten.

In ihrem Stück verbindet Sinnhuber nuancierte Klangfarben und fein austarierte Mikrorhythmik mit kontrastreichen musikalischen Charakteren zu einem vielschichtigen Klanggeschehen. Das Klavier ist präpariert. Der Komponistin geht es um Resonanz. Um imaginierte Klänge. Um musikalische Freude. Und um Stille.

«Bizarre, mais belle»

Am Anfang ihres Kompositionsprozesses stehen jeweils kleine Fragmente, die Sinnhuber als Etüden bezeichnet. Darin erprobt sie einzelne musikalische Ideen – etwa das fein verzahnte rhythmische Zusammenspiel zweier Instrumente. Erst nach und nach fügen sich diese Versuche zu einem grösseren Ganzen.

Ins Auge fällt in der Erner Kirche das ungewöhnliche Schlaginstrumentarium, das Sinnhuber gemeinsam mit dem Perkussionisten Santiago Villar Martín zusammengestellt hat. Dazu gehören aufgehängte Terrakottatöpfe, die auf unterschiedliche Tonhöhen gestimmt sind. Die «fis»-Tonalität der Kirchenglocke wird perkussiv gespiegelt. Ihr Wunsch ans Universum: Dass bei der auskomponierten kurzen Stille im Stück zufälligerweise die Erner Kirchenglocke die Viertelstunde schlägt.

Das grösste Geschenk ist für Sinnhuber, wenn Menschen im Publikum ihren Werken unvoreingenommen begegnen und einen Zugang zu ihrer avancierten Musiksprache finden. Zu den schönsten Komplimenten, die sie je erhalten habe, gehöre die Beschreibung ihrer Musik als «bizarre, mais belle».

Mit ihren Berner Wurzeln dürfen Sie Claire-Mélanie Sinnhuber Komplimente auch auf Schweizerdeutsch sagen. Sie wird diese verstehen und sich darüber freuen.

Die Uraufführung des Werkes Dinggedicht findet am Samstag, 8. August, um 18.00 Uhr, in der Kirche St. Georg in Ernen statt.

Ernen, 7. August 2026, Andreas Zurbriggen (Komponist und Musikpublizist)

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