Die Frau der klugen Fragen
Zwei Jahrzehnte lang prägte Bettina Böttinger das Queerlesen in Ernen. Bei der 20. Ausgabe führte sie zum letzten Mal durch das Mini-Literaturfestival – geistreich, witzig und so glänzend vorbereitet wie immer.
Es grenzt an ein kleines Wunder: Seit 2007 behauptet sich in einem beschaulichen Walliser Bergdorf ein queeres Literaturfestival, zu dem Autor*innen sogar dann anreisen, wenn sie selbst gar nicht auftreten.
Der isländisch-deutsche Schriftsteller Kristof Magnusson las achtmal am Queerlesen in Ernen. War er nicht auf dem Programm, reiste er dennoch meistens ans Mini-Literaturfestival. «Die Mischung aus Literatur, bezaubernd schönem Ort und guter Stimmung hat es mir angetan», sagt Magnusson.
Der zwischenmenschliche Austausch ausserhalb des Tellensaals ist für den Autor ebenso wichtig wie die Literatur. «Die Gespräche mit dem sehr gebildeten und sehr klugen Publikum sind ein Genuss.»
Bei Bettina Böttingers Abschied schloss sich nun ein Kreis: Magnusson war der erste Autor, den sie in Ernen moderierte – und auch der letzte.
In Deutschland gehört die Journalistin und Fernsehmoderatorin Bettina Böttinger seit Jahrzehnten zu den bekanntesten Gesprächsführerinnen. In Ernen geriet sie jeweils in ungläubiges Staunen. «Die Liste an grossen Namen, die wir nach Ernen geholt haben, ist unglaublich.» Angela Steidele, Carolin Emcke, Antje Rávik Strubel, Daniel Schreiber, Moritz Weber, Madame Nielsen, Alain-Claude Sulzer und Benedict Wells gehören zu den Autor*innen, die im Tellenhaus lasen.
Die von Bettina Böttinger moderierten Gespräche waren dabei stets temporeich und sprühten nur so von Esprit.
Queeres Literaturfestival
Wie kam überhaupt ein queeres Literaturfestival in ein malerisch, zwischen hohen Bergen eingebettetes 500-Seelen-Dorf?
Die Antwort darauf gibt Francesco Walter, ehemaliger Intendant des Festivals Musikdorf Ernen und aktueller Präsident des Vereins: «Anfang der 2000er-Jahre hatten mein Partner Peter Clausen und ich das Gefühl, dass wir etwas Queeres in Ernen machen müssen.» Nach längerem Nachdenken war für die beiden klar: Lesungen müssen her!
Da Bettina Böttinger ihre Sommerferien immer wieder in Ernen verbrachte, fragte Francesco Walter sie bei einem Mittagessen im Restaurant St. Georg, ob sie die Moderation übernehmen könnte. Sie sagte spontan zu.
In den ersten Jahren lief das Festival noch unter dem Namen Querlesen, erinnert sich Francesco Walter. «Den Mut für das zweite ‹e› hatten wir in den Anfangsjahren noch nicht.»
Mit Standing Ovations verabschiedete das Publikum am Sonntag Bettina Böttinger. Dem Musikdorf Ernen will sie als Feriengast und Festivalbesucherin auch künftig die Treue halten. «Einen Sommer ohne Ernen kann ich mir gar nicht mehr vorstellen», sagt die Moderatorin. Die Ankunft im Bergdorf fühle sich für sie längst wie ein Heimkommen an. Im Volg wird sie mit «Hallo Bettina» begrüsst.
Im Tellenhaus jedoch wird die Frau der klugen Fragen fehlen.
Ernen, 27. Juli 2026, Andreas Zurbriggen (Komponist und Musikpublizist)



