Kaskade | Kammermusikfest 2026

Felix Mendelssohn Bartholdy: Die Hebriden op. 26 – Bearbeitung für Klavier zu vier Händen
Joan Tower: Noon Dance für Querflöte, Klarinette, Violine, Violoncello, Perkussion und Klavier (1982)
Franz Schubert: Quartettsatz c-Moll D 703
Felix Mendelssohn Bartholdy: Klavierquartett h-Moll op. 3

Festkonzert 4 | Sonntag, 9. August 2026, um 18 Uhr, Kirche Ernen

Kaskaden (ein- oder mehrstufige Wasserfälle) gibt es als Kulturbauten seit der Antike in Anlehnung an ihre natürlichen und manchmal wilden Originale, von denen Felix Mendelssohn Bartholdy auf seiner Reise durch Schottland im Sommer 1829 einige sah. Schottland war zu dieser Zeit aufgrund der (längst als Fälschung entlarvten) Gesänge von Ossian der Inbegriff des romantischen Ortes, den Mendelssohn unbedingt besuchen wollte. Seine Reise führte ihn auch auf die Hebriden, zu den Königsgräbern der Iona Abbey und natürlich auf die Insel Staffa zu einer zentralen Touristen-Attraktion: Die nach dem ossianischen Held benannte Höhle «Fingal’s Cave», eine mit Meerwasser gefüllte Grotte, 10 m breit, doppelt so hoch und 60 m tief, gesäumt von Basaltsäulen, die einer riesigen Pfeifenorgel ähneln. Der Komponist war vom mystischen Ort höchst beeindruckt, noch am selben Abend skizzierte er die wellenförmigen Anfangstakte seiner Hebriden-Ouvertüre. Wenige Meilen südlich hätte er in der Strasse von Corryvreckan auch einen der weltweit grössten Wasserstrudel – und damit eine gigantische, kreisförmige Kaskade – besuchen können, doch waren die Überfahrten auf der rauen See schon wild genug, um den 20-Jährigen seekrank zu machen.

Die drei anderen Werke des Programms bieten mit ihrer unaufhaltsamen Energie regelrechte Tonkaskaden. Die heute 87-jährige Amerikanerin Joan Tower schrieb Noon Dance (Mittags-Tanz) für das Bostoner Neue-Musik-Ensemble «Collage». Der Titel verweist auf die für dasselbe Ensemble geschriebenen Breakfast Rhythms (1974), doch ist Noon Dance nicht wirklich tänzerisch. Tower schreibt: «Der eigentliche Anstoss kommt von meiner Vorstellung, wie sehr das Spielen von Kammermusik dem Tanzen ähnelt: Wie die Musiker sich miteinander bewegen, manchmal folgen oder führen – insgesamt lernen sie die Choreografie des Stücks.» Noon Dance erschafft faszinierende, strudel- und wellenförmige Klangflächen, unterteilt durch drei längere Solo-Passagen des Cellos, der Perkussion und des Klaviers.

Mit dem Tremolo am Beginn von Franz Schuberts Quartettsatz zieht uns ein starker Sog hinein in diesen dramatischen Anfangssatz eines unvollendeten Streichquartetts aus dem Jahr 1820, einem Scheitelpunkt in Schuberts Quartettschaffen. Das Werk zeigt Schuberts Versuch, sich durch kreative Auseinandersetzung mit Beethovens Werken in neue stilistische Sphären zu arbeiten. Schubert stellt zwei Klangideen unvermittelt nebeneinander: die kreisende Tremolo-Bewegung in Moll und das idyllische Liedthema in Dur. Zunächst scharfe Gegensätze, beginnen sie sich in der Durchführung allmählich zu verbinden. Die Reprise bringt sie in umgekehrter Reihenfolge, so dass am Ende der c-Moll-Strudel die Oberhand behält.

Kaum ein Komponist schaffte den Ausgleich zwischen romantisch leidenschaftlichen Tonkaskaden und klassischer Form so gut wie Felix Mendelssohn Bartholdy. Seine Frühreife beruhte auf Talent sowie auf hervorragender Ausbildung und strenger Disziplin, so stand er als Kind jeden Morgen um 5 Uhr auf, um das immense Pensum an Fächern bewältigen zu können. Erst im Teenager-Alter kristallisierte sich die Berufung zum Musiker völlig heraus, und die drei Klavierquartette waren die ersten Werke, die von ihm und seinen Lehrern als zur Publikation geeignet angesehen wurden. Das dritte, vollendet kurz vor seinem 16. Geburtstag, beeindruckt mit dem (an Mendelssohns ausserordentlichen pianistischen Fähigkeiten orientierten) brillanten Klavierpart in den schnellen Sätzen – dem dramatischen Kopfsatz, dem elfenhaft flirrenden Scherzo und dem rauschenden Finale mit virtuosen pianistischen Klangeffekten –, nur unterbrochen vom sehnsüchtigen, liedhaften Andante.

Jonathan Inniger

Felix Mendelssohn Bartholdy 1809–1847
Die Hebriden Ouvertüre für Orchester op. 26
Bearbeitung für Klavier zu vier Händen von Felix Mendelssohn Bartholdy
Francesco Granata, Klavier
Alasdair Beatson, Klavier

Joan Tower *1938
Noon Dance für Querflöte, Klarinette, Violine, Violoncello, Perkussion und Klavier (1982)
Manuel Astudillo Quintero, Querflöte
Matthew Hunt, Klarinette
Maja Horvat, Violine
Francesco Dillon, Violoncello
Joonas Ahonen, Klavier
Santiago Villar Martín, Perkussion

Franz Schubert 1797–1828
Quartettsatz c-Moll D 703
Maria Włoszczowska, Violine
Chiara Sannicandro, Violine
Alinka Rowe, Viola
Miquel Garcia Ramon, Violoncello

Pause

Felix Mendelssohn Bartholdy
Klavierquartett h-Moll op. 3
Allegro molto – Andante – Allegro molto – Allegro vivace
Daniel Bard, Violine
Alessandro D’Amico, Viola
Chiara Samatanga, Violoncello
Francesco Granata, Klavier

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