Meditation | Kammermusikfest 2026

Arvo Pärt: Cantus in Memoriam Benjamin Britten
Tōru Takemitsu: Air für Querflöte solo (1995)
Morton Feldman: Durations 4 für Vibraphon, Violine und Violoncello (1961)
John Cage: Dream für Klavier (1948)
John Cage: 4’33’’ für Kontrabass solo
Jordi Carrasco Hjelm: Improvisation für Kontrabass solo
Per Nørgård: «The gentle, the penetrating» für Perkussion solo
Claude Debussy: Syrinx für Querflöte solo L. 129
Arvo Pärt: Cantus in Memoriam Benjamin Britten

Extra-Konzert | Dienstag, 11. August 2026, um 20 Uhr, Mehrzweckhalle Ernen

Dieses Konzert kann als musikalisches Konzertprogramm über das Meditieren und den Flow-Zustand gehört werden oder als Meditations-Veranstaltung, an der wir durch die Musik das Bewusstsein befreien und einen Flow-Zustand erleben.

Alle Werke dieses symmetrisch aufgebauten Programms haben eine besondere Ruhe, begonnen und abgerundet mit dem weiten Ozean an a-Moll-Klängen in Arvo Pärts Cantus in Memoriam Benjamin Britten, in dem die Stimmen in unterschiedlichen Tempi die Tonleiter hinabsteigen, wobei nach Erreichen eines neuen Tons stets wieder zum Ausgangston zurückgekehrt wird (a, a–g, a–g–f, a–g–f–e, usw.). Daraus ergibt sich eine flirrend schöne Trauermusik für Britten, von dessen Tod Pärt im Dezember 1976 im Radio erfahren hat und dessen Musik er erst kurz zuvor für sich entdeckt hatte.

Die zweitäusserste Klammer bilden zwei Werke für Flöte solo von Tōru Takemitsu – dem ersten japanischen Komponisten, der im Westen Erfolg hatte – und Claude Debussy, dessen Werk Syrinx die Initialzündung für die Gattung des Flötensolos im 20. Jahrhundert war. Mit Syrinx wird die Flöte zum Instrument der mythischen Natur, zur Trägerin von Debussys Ästhetik der «geheimnisvollen Korrespondenz zwischen Natur und Einbildungskraft» – eine Vorstellung, über die sich lange meditieren liesse! Aus den Rohren der zu Schilf gewordenen Nymphe setzt der in Syrinx verliebte Gott Pan seine Flöte zusammen und beginnt, ein Trauerlied zu blasen. Diesen Augenblick von Ovids Geschichte hat Debussy eingefangen.

Der Titel von Takemitsus Air bedeutet gleichzeitig «Melodie» und «Luft». Kern des Stücks ist ein zu Beginn vorgestelltes sechstöniges Motiv, das sich (genau wie Debussys Syrinx) um den Zentralton a dreht und das in der Folge in verschiedenen Abwandlungen wiederkehrt. Das Fehlen einer echten Entwicklung reflektiert Takemitsus Akzeptanz seines kurz bevorstehenden Todes, er litt an Krebs. Die vielen bewusst gesetzten Pausen zwischen den Phrasen sind Ausdruck des japanischen Konzepts «Ma» (der leere Raum zwischen Objekten), im Zeichen dessen Takemitsu die Stille zwischen den gespielten Tönen als essenziellen Teil der Komposition zeigt.

Mit der Aufwertung der Stille sind wir schon bei John Cage, dessen Jahrhundertwerk 4’33’’ den Kern des Programms mit absoluter Stille füllt. Cages bahnbrechende Ästhetik wirkte auf Takemitsu ebenso wie auf Morton Feldman und den dänischen Avantgardisten Per Nørgård, deren zwei Werke mit Perkussion die dritte Klammer des Programms bilden.

Feldmans durchweg sehr leise zu spielende Durations IV überlässt mit der Unbestimmtheit der Rhythmen einen der zentralen kompositorischen Parameter den Interpret*innen und erfordert daher deren höchste Sensibilität für einen gemeinsamen Flow. Nørgårds «The gentle, the penetrating» ist eines von vier Stücken, die jeweils von einem der 64 Hexagrammen des chinesischen Orakelbuchs I Ching inspiriert sind. Es nutzt die vom amerikanischen Minimalisten Steve Reich geprägte Technik der Phasenverschiebung, um mit den gewählten Instrumenten – afrikanische Kalimba (Daumenklavier), Klangschalen und Schellen – eine gelöste Atmosphäre zu erschaffen, passend zum Konzept «Sun» (aus I Ching), das im menschlichen Dasein verstanden wird als Urteilsvermögen, das alle finsteren Hintergedanken zerstört.

Eine ebenso verträumte Musik schrieb John Cage in seinem Klavierstück Dreams, das wenige Jahre vor 4’33’’ bereits eine ähnliche innere Ruhe zum Ziel hat wie das berühmte Stück der bewussten Abwesenheit absichtlich erzeugter Klänge, aus dem in unserem Konzert mit der im Moment entstehenden, freien Improvisation von Jordi Carrasco Hjelm ein spontaner musikalischer Bewusstseinsstrom aufsteigt.

Jonathan Inniger

Arvo Pärt *1935
Cantus in Memoriam Benjamin Britten für Streichorchester und Glocke (1977)
Festivalorchester
Konzertmeister: Daniel Bard

Tōru Takemitsu 1930–1996
Air für Querflöte solo (1995)
Manuel Astudillo Quintero, Querflöte

Morton Feldman 1926–1987
Durations 4 für Vibraphon, Violine und Violoncello (1961)
Maja Horvat, Violine
Miquel Garcia Ramon, Violoncello
Santiago Villar Martín, Vibraphon

John Cage 1912–1992
Dream für Klavier (1948)
Bearbeitung für Viola solo und vier Violen von Karen Phillips (*1942)
Lilli Maijala, Viola solo
Daniel Bard, Alessandro D’Amico,
Maja Horvat, Alinka Rowe, Violen

4’33’’ für Kontrabass solo (1952)
Jordi Carrasco Hjelm, Kontrabass

Jordi Carrasco Hjelm *1993
Improvisation für Kontrabass solo

Per Nørgård 1932–2025
«The gentle, the penetrating (hexagram no. 57)» für Perkussion solo aus I Ching (The Book of Changes) (1982)
Santiago Villar Martín, Perkussion

Claude Debussy 1862–1918
Syrinx für Querflöte solo L. 129
Manuel Astudillo Quintero, Querflöte

Arvo Pärt
Cantus in Memoriam Benjamin Britten für Streichorchester und Glocke (1977)
Festivalorchester
Konzertmeister: Daniel Bard

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