Poème | Kammermusikfest 2026

Ernest Bloch: Concertino für Querflöte, Klarinette und Streichorchester (1950)
Frank Martin: Pavane couleur du temps für Streichorchester (1920)
Ernest Chausson: Poème für Violine und Streichorchester op. 25
Maurice Ravel: Petite symphonie à cordes (Streichquartett F-Dur op. 35)

Orchesterkonzert 1 | Freitag, 7. August 2026, um 20 Uhr, Kirche Ernen

Viele Aspekte verbinden die vier Werke dieses Programms, nicht zuletzt der Bezug zum Genfersee: Während Ernest Bloch und Frank Martin beide aus Genf stammten, vollendete Ernest Chausson sein Poème in Glion (Montreux) am östlichen Ende des Genfersees, während Maurice Ravels Vater aus Versoix am anderen Ende des Sees kam. Bloch, in Genf als Sohn jüdischer Eltern geboren, studierte unter anderem in Brüssel bei Eugène Ysaÿe, dem Widmungsträger von Chaussons Poème. Bloch wurde hauptsächlich bekannt für seine jüdisch inspirierten Werke, doch schrieb er auch Musik im Geist des Neobarock, wie das Concertino mit seinem pastoral tänzerischen Allegro, dem archaisierend kontrapunktischen Andante und dem finalen Allegro, das als orchestrale Fuge beginnt, bis plötzlich eine ausgelassene Polka durchbricht.

Frank Martins 1920 komponierte Pavane couleur du temps verweist mit dem feierlichen Schreittanz Pavane auf seine Faszination für das 17. Jahrhundert – der Zeit der ersten Verschriftlichung des Märchens Peau d’âne (Eselshaut). Darin will ein verwitweter König seine Tochter heiraten, weil sie die einzige Frau ist, die noch schöner sei als seine verstorbene Gattin. Die Prinzessin stellt als Bedingung die unmögliche Forderung nach einem Kleid «couleur du temps». Doch der König bringt ihr ein in schönstem Azur leuchtendes Kleid, woraufhin die Prinzessin in einer Eselshaut flieht und so der Heirat entgeht. Inspiriert davon schrieb Martin eine schwebende, delikate Musik in märchenhaftem Ton.

Von Ivan Turgenews Kurzgeschichte Das Lied der triumphierenden Liebe (1881) ist Ernest Chaussons Poème inspiriert. Die Geschichte spielt im Italien des 16. Jahrhunderts und ist eine Mischung aus psychologischem Drama und Schauernovelle: Der Künstler Fabio erobert das Herz der schönen Valeria und heiratet sie. Verzweifelt verlässt sein Konkurrent, der Musiker Muzio, Ferrara. Einige Jahre später kehrt dieser mit einer Zaubergeige und einem malaiischen Diener zurück. Eines Nachts gibt der Diener heimlich einen rätselhaften Trunk in Valerias Becher, und Muzio spielt sein Liebeslied auf der Geige. Während der folgenden Nächte träumt Valeria, diese Musik zu hören, und wie in Trance sucht sie nach Muzio. Fabio folgt ihr und tötet Muzio. Dessen malaiischer Diener beginnt ein seltsames Wiederbelebungsritual, und am nächsten Morgen verlässt er mit dem (vielleicht noch lebenden, vielleicht leblosen) Körper Muzios die Stadt – es herrscht wieder Frieden in der Villa. Doch die Geschichte endet mit einer beunruhigenden Note: Als Valeria Monate später Orgel spielt, gleiten ihre Finger unbewusst in die Melodie des «Liedes der triumphierenden Liebe». In diesem Moment spürt sie eine Regung neuen Lebens in sich – was die dunkle Frage offenlässt, ob das Kind von Fabio oder durch Muzios okkulten Einfluss empfangen wurde. Weshalb Chausson im Verlauf des Kompositionsprozesses den literarischen Bezug eliminierte, ist unklar. Das Poème erlangte durch die häufigen Aufführungen des Jahrhundertgeigers Eugène Ysaÿe grosse Beliebtheit.

In eine ganz andere, geläuterte Welt führt Maurice Ravels 1904 uraufgeführtes Streichquartett. Die opulente, romantische Klangwelt Chaussons wird von jugendlich frischen Klängen abgelöst. Ravel ist in diesem impressionistischen Meisterwerk zurückhaltend mit subjektivem Ausdruck; leidenschaftliche Episoden treten umso wirkungsvoller hervor, als sie kurz und selten sind. Nur der letzte Satz ist fiebrig erregt. Der mit «sehr sanft» charakterisierte Kopfsatz ist von unbeschwerter Eleganz, ebenso der zweite Satz. Der langsame Satz gleitet ruhig dahin und zeigt, wie das ganze Werk, mehr Interesse an der Schönheit einzelner Klänge und melodischen Formen als an einem narrativen Konzept.

Jonathan Inniger

Ernest Bloch 1880–1959
Concertino für Querflöte, Klarinette und Streichorchester (1950)
Allegro comodo
Andante
Allegro
Manuel Astudillo Quintero, Querflöte
Matthew Hunt, Klarinette

Frank Martin 1890–1974
Pavane couleur du temps für Streichorchester (1920)

Ernest Chausson 1855–1899
Poème für Violine und Streichorchester op. 25
Maria Włoszczowska, Violine

Pause

Maurice Ravel 1875–1937
Petite symphonie à cordes
Streichorchesterfassung des Streichquartetts F-Dur op. 35
Allegro moderato. Très doux
Assez vif. Très rythmé
Très lent
Vif et agité

Festivalorchester
Konzertmeister: Daniel Bard

Zurück