Sir András Schiff | Klavier kompakt 2026

Franz Schubert: Impromptus D 899 und D 935
Johann Sebastian Bach: 6 Partiten BWV 825-830
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Waren bei András Schiffs Klavier-kompakt-Wochenende 2024 gleich drei der sechs Rezitals Johann Sebastian Bach gewidmet, stehen in diesem Jahr dem Bach-Schwerpunkt mit den sechs Partiten auch zwei Abende mit Musik von Franz Schubert gegenüber sowie je ein Rezital mit Musik von Joseph Haydn und Ludwig van Beethoven.

Erneut beginnt das Wochenende im intimen Rahmen des Tellensaals auf einem historischen Instrument – einem Wiener Hammerflügel aus dem Jahr 1820. Im Kontext seiner Schubert-Aufnahmen schrieb András Schiff über das Instrument:

«Der Flügel ist – meiner Meinung nach – eminent geeignet für Schubert. In seinem Timbre gibt es etwas typisch Wienerisches, eine sanfte, melancholische Gesanglichkeit. Schubert wurde in der Zeit des Biedermeier (und auch danach) oft sentimentalisiert, verharmlost. Man hat kaum geahnt, welch dunkle Kräfte, tiefe Klüfte in seiner Musik verborgen sind. Atemberaubend sind die dramatischen Steigerungen, die schmetternden Höhepunkte. Es sind aber die leisen und leisesten Töne, mit denen Schubert – wie kein anderer Komponist – unsere Herzen berührt. Piano und Pianissimo sind die häufigsten dynamischen Angaben in seinen Partituren, sogar das dreifache Piano (ppp) ist keine Rarität. Auf dem Hammerflügel von Brodmann kann man diese enorme Differenziertheit der Dynamik fabelhaft realisieren. Das Piano ist seine Grundstimme, sein sprechender Ton. Für Pianissimi verwendet man die Verschiebung (das una corda-Pedal, bei Wiener Instrumenten due corde), damit wird der Ton schlanker. Schliesslich gibt es noch die «Geheimwaffe», den Moderator, mit dem man die leisesten, die ppp-Passagen ideal verwirklichen kann. Überdies sind die Tasten des Instruments schmaler, die Mechanik funktioniert wesentlich leichter als bei modernen Flügeln. Schuberts gefürchtete Akkord-Repetitionen (wie im Finale der G-Dur-Sonate) sind auf dem Brodmann-Flügel leicht zu spielen. Es kommt ausserdem sehr auf den Raum an, in dem das Fortepiano gespielt wird. Der Saal darf nicht zu gross sein: Akustik, Proportionen und Atmosphäre müssen ideal zusammenpassen.» – Die Erfahrung des Clavichord-Rezitals im Erner Tellensaal hat András Schiff wohl dazu angeregt, hier nun Musik von Franz Schubert auf dem Brodmann-Hammerflügel aufzuführen.

Da Schubert für seine grösseren Instrumentalwerke keine Abnehmer fand, wandte er sich 1827 wieder kleineren Formen zu, schrieb die Winterreise, die Moments musicaux D 780 und in der zweiten Jahreshälfte die insgesamt acht lyrischen Stücke, von denen die ersten vier (D 899) vom Verleger Tobias Haslinger als Impromptus (op. 90, 1827) veröffentlicht wurden. Schubert übernahm für die zweiten vier Stücke (D 935) den Begriff «Impromptu» und bot diese dem Verleger Schott in Mainz an. Während sich D 899 aufgrund der fortschreitenden Tonarten (c-Moll, Es-, Ges- und As-Dur) der Interpretation als versteckte Sonate entzieht, sah bereits Robert Schumann zumindest in den ersten beiden Sätzen des 1839 publizierten D 935 Teile einer Sonate, wobei beim vierten Impromptu von D 935 nur die Rückkehrt zur Tonart des Anfangsstücks (f-Moll) dafür spreche, die «Flüchtigkeit der ganzen Anlage» jedoch dagegen.

Die Nachwelt konnte darüber streiten, wie sehr die zwei vierteiligen Zyklen als imaginierte Sonaten verstanden werden sollten – sicher ist, beide Zyklen beginnen mit gewichtigen Sätzen, die jedoch nicht in Sonatensatzform stehen, worauf ein Scherzo- bzw. Menuett-artiger Satz sowie ein langsamer Gesangssatz folgen. Letztere beginnen beide mit dem für Schubert typischen, daktylischen Wander-Rhythmus, D 899/3 ist ein Lied ohne Worte und D 935/3 ein Variationssatz über eine veränderte Form des Themas aus der Schauspielmusik zu Rosamunde, das Schubert auch im langsamen Satz des Streichquartetts a-Moll D 804 verwendete. Die Schlussstücke sind in ihrer jeweils klaren A–B–A-Form keineswegs typisch für Sonaten-Finalsätze – die Zyklen werden mit poetischer, sanft perlender (D 899) und zupackend virtuoser – zuweilen den Klang des Cimbaloms imitierender – Musik (D 935) abgeschlossen.

Schubert unternahm die emotionale Gratwanderung zwischen mitreissender Vitalität und abgrundtiefer Melancholie nicht nur in den Gattungen für Klavier solo, sondern auch in der vierhändigen Klaviermusik. Die enormen klanglichen Möglichkeiten des mit vier Händen erzeugten Klavierklangs hatte er bereits als 13-Jähriger erprobt: Das erste im Deutsch-Verzeichnis aufgeführte Werk ist die Fantasie für Klavier vierhändig D 1 aus dem Jahr 1810. Und so schuf er auch für diese eigentlich der Hausmusik zugeordneten Besetzung eine Reihe von Meisterwerken. Die beiden grossen Moll-Kompositionen des letzten Lebensjahres – die dramatischen «Lebensstürme» in a-Moll und das kontrapunktische Wunderwerk der Fantasie f-Moll – sowie das Rondo in A-Dur und die Variationen in As-Dur.

Wie zwei Säulen tragen die zwei Rezitals mit den sechs Partiten von Johann Sebstian Bach die insgesamt fünf Auftritte Sir András Schiffs in der Kirche Ernen – passend zum gewissermassen religiösen Stellenwert, den Bachs Musik für Schiffs Musikverständnis hat. Zu Bachs Lebzeiten wurden nur ganz wenige seiner Werke gedruckt, die mit einer Ausnahme sämtlich der Klavier- und Orgelmusik angehören. Bach fasste sie in vier, zwischen 1731 und 1741 erschienenen «Klavierübungen» zusammen: sechs Partiten, das Duo der Ouvertüre h-Moll mit dem Italienischen Konzert, die monumentale Orgelmesse und als krönenden Abschluss die Goldberg-Variationen. Bemerkenswert an den zwischen 1825 und 1830 entstandenen Partiten ist, wie Bach Gemeinsamkeiten und Unterschiede gewichtet. Je drei von ihnen stehen in Dur (B-Dur, D-Dur und G-Dur) und Moll (c-Moll, a-Moll, e-Moll).

Die einzelnen Satzfolgen sind immer unterschiedlich: So sind die Anfangssätze als Präludium, Sinfonia, Fantasia, Ouvertüre, Praeambulum und Toccata bezeichnet, denen die Kern-Sätze der vier Tänze Allemande, Courante (bzw. die schnellere italienische Corrente), Sarabande und Gigue folgen, erweitert durch unterschiedliche Stücke: Menuet in der Partita Nr. 1 B-Dur, Rondeaux und Capriccio in der Partita Nr. 2 c-Moll (wobei das Capriccio die sonst immer am Schluss stehende Gigue ersetzt); Burlesca, Scherzo (3), Aria, Menuet (4), Tempo di minuetto, Passepied (5), Air, Tempo di gavotta (6).

Die Aufführungsdauer einer Partita mit den von Sir András Schiff als obligatorisch verstandenen Wiederholungen liegt zwischen ca. 17 (Nr. 1, B-Dur und Nr. 3, a-Moll) und 30 Minuten (Nr. 4, D-Dur und Nr. 6, e-Moll). Jede Partita bleibt streng in der einmal gewählten Tonart. So muss der Kontrast auf andere Weise erzeugt werden, vor allem durch die verschiedenen Tanzcharaktere und die mit ihnen verbundenen Taktarten und rhythmischen Muster, aber auch über die Anzahl der Stimmen und den Wechsel zwischen (den überwiegenden) kontrapunktischen und einigen akkordischen Satzarten. In den Anforderungen an die Unabhängigkeit der Hände als Voraussetzung der Hörbarmachung der polyphonen Grundlage des Klaviersatzes wie in der unerschöpflichen Fantasie Bachs bei der Erfindung von Spielfiguren bilden die Partiten einen geschlossenen Kosmos, dem die Pianisten seit je mit ebenso grosser Liebe wie Ehrfurcht begegnen.

Jonathan Inniger / Wolfgang Rathert

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