Vivaldis «Stabat mater» | Barock 2026
J. M. Molter: Sinfonia C-Dur für 2 Oboen, Streicher und B. c. MWV 7.13
J. S. Bach: Kantate «Widerstehe doch der Sünde» für Alt, Streicher und B. c. BWV 54
J. H. Roman: Sonate g-Moll für 2 Oboen und B. c. BeRI 101
T. Albinoni: Sonate A-Dur für 5 Streicher und B. c. op. 2 Nr. 5
A. Califano: Triosonate a-Moll für 2 Oboen, Fagott und B. c.
A. Vivaldi: «Stabat mater» für Alt, Streicher und B. c. RV 621
Barockkonzert 5 | Donnerstag, 30. Juli 2026, um 20 Uhr, Kirche Ernen
Während Vivaldis Instrumentalmusik europaweit geschätzt wurde, wissen wir wenig über den Einfluss seiner Kirchenmusik auf die Zeitgenossen. Sicher wurde sie von vielen Besucher*innen der Lagunenstadt gehört. Die meisten von Vivaldis geistlichen Werken wurden für das Ospedale della Pietà komponiert. Das «Stabat mater» bildet hier eine Ausnahme, es wurde 1712 für die Chiesa Santa Maria della Pace in Brescia geschrieben, wo Vivaldi und sein Vater im Jahr davor als Gastmusiker das Orchester verstärkten. Ungewöhnlich ist, dass Vivaldi von den ursprünglich 20 Strophen des Gedichts nur die ersten 10 vertonte und die Strophen 1–4 dieselbe Musik enthalten wie die Strophen 5–8. Die Musik der Strophen 1 und 5 ist ein typisches Lamento mit auffälliger Kreuzmotivik. Die Strophen 2 und 6 sind als Arioso gestaltet und betonen durch ein langes Schlussmelisma das Schwert («gladius») bzw. den Schmerz («dolentem»). Die in jeweils einem Satz verbundenen Strophen 3–4 und 7–8 setzen die Trauer in den Mittelpunkt und klingen tröstlich, ja fast versöhnlich. «Eja mater» (9) bezaubert mit dem pulsierenden Herzschlag der Violinen über der fundamentlosen Begleitung der Bratsche, während «Fac ut ardet» (10) fast beschwörend an das Lodern einer Flamme erinnert und das finale «Amen» sich entsprechend des Inhalts des Gesamtwerks mit Virtuosität zurückhält.
Bachs Kantate «Widerstehe doch der Sünde» stammt vermutlich aus der Weimarer Zeit und zeigt hauptsächlich in der Klangsinnlichkeit der ersten Arie italienische Einflüsse. Die überraschende Dissonanz, mit der das Stück anfängt, wird gerne als die Veranschaulichung der Sünde angesehen, wobei die interessantere Interpretation dieser spannungsvollen Musik lautet, dass zwischen den wunderschönen (und höchst modernen!) Reizen der Oberstimmen und dem langen Orgelpunkt im Bass die Widerständigkeit ausgedrückt wird, die der Mensch an den Tag legen soll. Im Rezitativ fallen neben dem äusserlichen «Gold» der Sünde, dem leeren «Schatten» und dem tiefdunklen «Grab», besonders das «Schwert» auf, das durch eine Bassfiguration ausgedrückt wird. Ebenso aussergewöhnlich wie die Anfangsmusik ist der strenge, bis zu vierstimmig fugierte Satz der zweiten Arie.
Johann Melchior Molters Sinfonia zeigt ebenso wie Johan Helmich Romans Triosonate den immensen italienischen Einfluss auf die Musik der Zeit. Beide Komponisten schrieben die Werke nach (oder auf) ausführlichen Reisen, bei denen sie die italienische Musik besser kennenlernten. Mit Molter, dessen zweijähriger Italienaufenthalt (1719–1721) vom Markgrafen Carl Wilhelm von Baden-Durlach finanziert wurde, schliesst sich der Kreis zum Barockkonzert 1, arbeitete Molter doch als Kapellmeister in Karlsruhe eng mit seinem Konzertmeister Sebastian Bodinus zusammen. Die Sinfonia ist fünfsätzig, mit einem fröhlichen Kopfsatz, einem zarten Andante, einer melancholisch wiegenden Siciliana, einem aufgeregten «Alla schiavaglia» (der musikalischen Referenz auf die fleissigen Dienstmädchen und Landarbeiter) und einer ausgelassenen Furlana, dem ursprünglich aus dem Friaul stammenden Volkstanz.
Der Stockholmer Musiker Roman italianisierte die schwedische Hofmusik und gilt aufgrund seiner vielseitigen Aktivitäten als Vater der schwedischen Musik überhaupt. Auch Arcangelo Califano, Cellist in der Sächsischen Hofkapelle, und seine wenigen überlieferten Werke gehören zum italienischen Musikexport, ebenso wie Tommaso Albinonis Sonaten op. 2, die nicht nur in Venedig (1700), sondern auch in Amsterdam (1702) gedruckt wurden und die mit ihrer reichhaltigen Harmonik und hoher Expressivität die zeitlose Schönheit und Wirkmächtigkeit dieser Musik eindrücklich unter Beweis stellen.
Jonathan Inniger
Johann Melchior Molter 1696–1765
Sinfonia C-Dur für zwei Oboen, Streicher und B. c. MWV 7.13
Allegro – Andante e sempre piano – Alla siciliana – Alla schiavaglia – Furlana
Johann Sebastian Bach 1685–1750
Kantate «Widerstehe doch der Sünde» für Alt, Streicher und B. c. BWV 54
Arie «Widerstehe doch der Sünde»
Rezitativ «Die Art verruchter Sünden»
Arie «Wer Sünde tut, der ist vom Teufel»
Johan Helmich Roman 1694–1758
Sonate g-Moll für zwei Oboen und B. c. BeRI 101
Adagio – Allegro – Andante – Presto assai
Tomaso Albinoni 1671–1751
Sonata à 5 A-Dur für Streicher und B. c. op. 2 Nr. 5
Grave – Allegro – Adagio – Allegro
Arcangelo Califano ca. 1700 – nach 1756
Triosonate a-Moll für zwei Oboen, Fagott und B. c.
Allegro – Adagio – Allegro
Antonio Vivaldi 1678–1741
«Stabat mater» für Alt, Streicher und B. c. RV 621
Stabat mater dolorosa
Cujus animam gementem
O quam tristis et afflicta
Quis est homo
Quis non posset contristari
Pro peccatis suae gentis
Eja mater, fons amoris
Fac ut ardeat cor meum
Amen
Beth Taylor, Mezzosopran
Aernen Barock, Leitung Ada Pesch und Deirdre Dowling