Wendel Quartet | Grosse Klavierquartette

Mel Bonis: Klavierquartett Nr. 2 D-Dur op. 124
Alfred Schnittke: Klavierquartett (1988)
Robert Schumann: Klavierquartett Es-Dur op. 47

Samstag, 20. Juni 2026, um 17 Uhr, Kirche Ernen

Mel Bonis, eigentlich Mélanie Domange, war fast 70 Jahre alt, als sie 1927 auf eigene Kosten ihr zweites Klavierquartett D-Dur veröffentlichte. Die Tiefe des musikalischen Ausdrucks zu Beginn – eine Mischung aus Trauergesang, Choral und Gebet – passt zum Bild der tiefreligiösen Komponistin und Pianistin, vierfachen Mutter, fünffachen Stiefmutter und vielfachen Grossmutter, deren turbulentes und geradezu filmreifes Leben sie nun zurückgezogen, meistens auf einer Chaiselongue liegend, reflektiert.

In musikfernem und streng katholischem Elternhaus aufgewachsen, fand die talentierte Mélanie nur durch César Francks Förderung Aufnahme am Pariser Conservatoire, wo sie im Gesangsstudenten (und Dichter) Amédée-Louis Hettich ihre grosse Liebe fand – aus dieser Zeit stammt der ihr Geschlecht verschleiernde Künstlername Mel Bonis. Nach Hettichs Heiratsantrag nahmen Bonis’ Eltern ihre 23-jährige Tochter sofort vom Conservatoire und drängten sie zur Hochzeit mit dem zweifach verwitweten Industriellen Albert Domange, der fünf Söhne in die Ehe einbrachte. Drei gemeinsame Kinder folgten.

Von materiellen Sorgen befreit, beanspruchte das Familienleben Bonis aber so sehr, dass sie nur wenig komponierte, bis sie in den 1890er-Jahren wieder auf Hettich traf. Die beiden arbeiteten nun intensiv an der (später nur unter Hettichs Namen publizierten) Anthologie des airs classiques, für die Bonis die Klaviersätze anfertigte. Irgendwann brach auch die nie verloschene Liebe durch. Bonis gebar 1899 heimlich die gemeinsame Tochter und musste sich sogleich von ihr trennen, was sie in eine tiefe Krise und Depression stürzte – denn die katholische Moral blieb bis zum Lebensende der zentrale Anker ihrer Identität.

Trotzdem waren die nächsten Jahre die produktivsten ihres Lebens, es entstanden erstklassige Lieder, Kammermusik, Klavier- und Orgelwerke. Nach dem 1. Weltkrieg entstanden vor allem geistliche Vokalmusik, Orgelmusik und das Klavierquartett D-Dur, das wie ein kammermusikalisches Testament wirkt in einer Zeit, deren Ästhetik längst weit von derjenigen Bonis’ entfernt war. Sie schrieb: «In unserer laizistischen, positivistischen, mitleidlos egoistischen Welt ist die Zärtlichkeit aus der Musik verbannt, stattdessen müssen wir nachgeahmte Lokomotiven, Fusstritte und unseriöse ‹Boleros› schlucken.» Das Klavierquartett steht in der Tradition von César Franck und Gabriel Fauré, und seine Integration in den Kammermusik-Kanon ist längst überfällig – deswegen ist es am 12. August 2026 gleich noch einmal zu hören!

Alfred Schnittke legte der Komposition seines Klavierquartetts ein 1973 erstmals veröffentlichtes Scherzo-Fragment des 16-jährigen Gustav Mahler zugrunde. Schnittke plante anfangs, das Fragment im Stile Mahlers fortzuführen, und versuchte «sich an etwas zu erinnern, was gar nicht zustande kam». Der Versuch scheitert nach drei vergeblichen Anläufen, die Schnittke in seine Gegenwart führen, und so endet die Komposition im wörtlichen Zitat des Mahler-Fragments.

Robert Schumanns Klavierquartett ist das letzte klassische Werk seines Kammermusikjahres 1842. Der Kopfsatz beginnt geheimnisvoll und überrascht mit dem (für den in dieser Zeit kaum religiösen Komponisten) unüblichen Choralzitat von «Wer nur den lieben Gott lässt walten». Wirblig und gespenstisch ist das Scherzo, das Andante mit seiner innigen Cellomelodie ist einer der schönsten Sätze Schumanns überhaupt, und das Finale vereint Kontrapunktik mit dramatischem Schwung.

Jonathan Inniger

Mel Bonis 1858–1937
Klavierquartett Nr. 2 D-Dur op. 124
Moderato – Più vivo
Allegretto
Lent
Final. Allegro

Alfred Schnittke 1934–1998
Klavierquartett (1988)

Robert Schumann 1810–1856
Klavierquartett Es-Dur op. 47
Sostenuto assai – Allegro ma non troppo
Scherzo. Molto vivace
Andante cantabile
Finale. Vivace

Wendel Quartet:
Matteo Cimatti, Violine
Élise Hiron, Viola
Jiayi Liu, Violoncello
Francesco Granata, Klavier

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