Zeitfluss | Kammermusikfest 2026
W. A. Mozart: Adagio und Fuge f-Moll für Streichtrio KV 404a Nr. 6
Mel Bonis: Suite dans le style ancien für Querflöte, Violine, Viola und Klavier op. 127
J. Brahms: Ballade H-Dur für Klavier op. 10 Nr. 4
Gérard Pesson: Nebenstück für Klarinette und Streichquartett (1998)
Claire-Mélanie Sinnhuber: Neues Werk für Klavier solo und Ensemble (2026) (UA)
W. A. Mozart: Divertimento F-Dur für Streicher KV 138
Leó Weiner: Divertimento Nr. 1 für Streicher op. 20
Festkonzert 3 | Samstag, 8. August 2026, um 18 Uhr, Kirche Ernen
Nach den zuvor porträtierten Elementen Luft und Wasser nehmen wir etwas in den Blick, das auch zu fliessen scheint: die Zeit. Ohne diese ist Musik undenkbar. Musik hat Rhythmus, Metrum, Tempo; Töne sind zeitlich geordnete Schwingung der Luft. Zeit ist die Bedingung für Musik, aber auch der Grund, weshalb sie nicht festgehalten werden kann: Kaum erklungen, schon vorbei. Doch spannt sich über die Jahrhunderte der Musikgeschichte ein dichtes Netz an Verbindungen. Wolfgang Amadeus Mozart ging im Frühjahr 1782 jeden Sonntag nach der Messe zum Baron van Swieten, um dort mit Gleichgesinnten die Fugenkünste Bachs und Händels zu studieren. Daraus entstanden die Fugenbearbeitungen KV 404a, von denen die Nr. 6 aus einem neu komponierten Adagio und der Streichtrio-Bearbeitung einer Orgelfuge Wilhelm Friedemann Bachs (F.31 Nr. 8) mit chromatisch absteigendem Thema besteht.
Nicht auf ein konkretes Werk, sondern auf stilistische Eigenheiten der Barockzeit bezieht sich Mel Bonis in ihrer Suite dans le style ancien. Sie entstand 1928 zeitgleich in einer Version für Bläserseptett und einer für unsere Quartettbesetzung, die dem Organisten und Komponisten Ermend Bonnal gewidmet ist, einem damals anerkannten Komponisten und Direktor des Konservatoriums in Bayonne im französischen Baskenland, mit dem Bonis freundschaftlich verbunden war – wie Bonnal komponierte Bonis in den 1920er-Jahren weitgehend unbeirrt von der musikalischen Avant-Garde.
Bonis war seit der Kindheit von der Orgel fasziniert und spielte das Instrument oft in ihren Sommer-Residenzen Sarcelles und Étretat, an ihrem letzten Wohnort in Sarcelles hatte sie sogar eine kleine Orgel im Salon. Ihre Liebe zu alten Gattungen teilten viele Zeitgenossen – etwa schrieben Vincent D’Indy, Edvard Grieg oder George Enescu auch Suiten im alten Stil. Bonis’ Prélude mit seiner improvisationsartigen Anfangsmelodie und impressionistischen Klängen sowie die lebhafte Fuguette entstanden bereits 1913/14 für Orgel, und auch der Choral – bestehend aus Thema und vier Variationen – existiert in einer Orgelversion, die 1933 in der Zeitschrift La Musique Sacrée (Toulouse) veröffentlicht wurde. Das finale, verspielte Divertissement ist in der Septettversion nach einem provenzalischen Volkstanz, der «Farandole», benannt, die im 18. Jahrhundert erstmals erwähnt wurde und auch in Georges Bizets Bühnenmusik L’Arlésienne (1872) auftaucht – die Musik mit der bewusst einfachen Melodik und dem etwas bizarren Humor nimmt die Grundstimmung der 1920er-Jahre mit der in Paris vorherrschenden Groupe des Six auf.
In nochmals anderer Verbindung stehen Brahms’ Ballade op. 10 Nr. 4 (1854) und das Nebenstück von Gérard Pesson, der schreibt: «Diese Ballade verfolgte mich jahrelang mit ihrer seltsamen Form, dem Fehlen hoher Töne, der Schönheit des eröffnenden Barcarolle-Satzes und dem zentralen Cantando, in dem die Melodie von einer schimmernden Textur übertönt und von einer Art Choral unterbrochen wird.» Pessons Nebenstück ist das Resultat einer «Filtration» durch die Erinnerung – wie durch eine Wand erklingt darin die ganze Ballade, gedämpft, geräuschhaft, flüsternd und hauchend – mit mystisch zauberhaftem Effekt!
Zum Schluss steht die Uraufführung von Claire-Mélanie Sinnhubers neuem Werk auf dem Programm – ein Werk, das die Komponistin als eine Art Concertino für Solo-Klavier und klanglich vielfältiges Ensemble aus Perkussion sowie Streich- und Blasinstrumenten beschreibt. Immer wieder bezieht sich die Komponistin in ihrem Schaffen auf barocke (und klassische) Formen und Stiltypen, die sie in ihre ganz eigene Klangsprache integriert – eine Klangsprache voller Transparenz, faszinierenden Lichtes und flirrender Klänge.
Jonathan Inniger
Wolfgang Amadeus Mozart 1756–1791
Adagio und Fuge f-Moll für Streichtrio KV 404a Nr. 6
Fuge nach Wilhelm Friedemann Bach (1710–1784)
Maria Włoszczowska, Violine
Lilli Maijala, Viola
Francesco Dillon, Violoncello
Mel Bonis 1858–1937
Suite dans le style ancien für Querflöte, Violine, Viola und Klavier op. 127
Prélude – Fuguette – Choral – Divertissement
Manuel Astudillo Quintero, Querflöte
Matteo Cimatti, Violine
Alinka Rowe, Viola
Francesco Granata, Klavier
Johannes Brahms 1833–1897
Ballade H-Dur op. 10 Nr. 4
Francesco Granata, Klavier
Gérard Pesson *1958
Nebenstück für Klarinette und Streichquartett (1998)
Matthew Hunt, Klarinette
Matteo Cimatti, Violine
Maja Horvat, Violine
Alessandro D’Amico, Viola
Samuel Niederhauser, Violoncello
Claire-Mélanie Sinnhuber *1973
Neues Werk für Klavier solo, Querflöte, Klarinette, Perkussion und Streichquintett (2026)
Uraufführung – Auftragswerk Festival Musikdorf Ernen
Alasdair Beatson, Klavier
Manuel Astudillo Quintero, Querflöte
Matthew Hunt, Klarinette
Daniel Bard, Violine
Chiara Sannicandro, Violine
Lilli Maijala, Viola
Miquel Garcia Ramon, Violoncello
Jordi Carrasco Hjelm, Kontrabass
Santiago Villar Martín, Perkussion
Fortsetzung um 20.45 Uhr auf dem Dorfplatz Ernen
Wolfgang Amadeus Mozart 1756–1791
Divertimento F-Dur für Streicher KV 138
Allegro – Andante – Presto
Leó Weiner 1885–1960
Divertimento Nr. 1 für Streicher op. 20
Tempo di Csárdás – Róka-Tanc (Fuchstanz) – Marosszéker Rundtanz – Verbunkos – Csürdöngölő (Bauerntanz)