Tähe-Lee Liiv | Klavier 2026
Arvo Pärt: Sonatina op. 1 Nr. 2
W. A. Mozart: Klaviersonate G-Dur KV 283
Claude Debussy: Images – Drei Klavierstücke L. 110
Mel Bonis: Mélisande op. 109, Desdémona op. 101, Ophélie op. 165 Nr. 1
Einojuhani Rautavaara: Sechs Etüden op. 42
Edvard Grieg: Ballade g-Moll op. 24
Klavierrezital 4 mit Tähe-Lee Liiv | Donnerstag, 16. Juli 2026, um 20 Uhr, Kirche Ernen
Um die Intention von Tähe-Lee Liivs Erner Debüt-Programm zu veranschaulichen, lohnt sich die Vergegenwärtigung der chronologischen und geografischen Lokalisierung der von ihr ausgewählten Werke. Zwischen Mozarts 1774 entstandener Sonate bis zu Rautavaaras Etüden op. 42 von 1969 liegen fast zwei Jahrhunderte, die auch das Instrument Klavier tiefgreifend veränderten. Bergen, der Geburtsort Edvard Griegs, und Paris, der Lebens- und Arbeitsmittelpunkt Debussys und Mel Bonis’, trennen 2000 Autokilometer, und von der heutigen estnischen Hauptstadt Tallin, in der Arvo Pärt 1958/59 seine Sonatinen Opus 1 komponierte, sind es sogar 2600 km – Distanzen, die in den vergangenen Jahrhunderten noch grösser schienen als heute.
Äussere Distanzen sagen in der Musikgeschichte jedoch nichts über innere Zusammenhänge aus. Edvard Grieg tauchte in seinem Studienort Leipzig so intensiv in die Welt der mitteleuropäischen Klassik und Romantik ein, dass seine Ballade op. 24 von 1875 – die tatsächlich 14 Variationen und eine Coda über ein norwegisches Volkslied ist – vor allem seine Auseinandersetzung mit dem grossen Vorbild Felix Mendelssohn Bartholdy widerspiegelt.
Arvo Pärt, der mit 18 Jahren sein Musikstudium aufnahm, orientierte sich zunächst an den verordneten Vorbildern Schostakowitsch und Prokofjew, wandte sich dann aber der Zwölftonmusik und dem Serialismus zu, was ihn unweigerlich in einen Konflikt mit der kommunistischen Kulturpolitik führte. Erst 2008, ca. 30 Jahre nach seiner Emigration nach Österreich und später Westberlin, kehrte er in seine nunmehr autonome Heimat Estland zurück. Die Verbindung von konstruktivem Raffinement und klanglicher Klarheit, die bereits seine Sonatine auszeichnet, blieb in gewisser Weise Pärts Markenzeichen.
Dies gilt erst recht für die Musik Mozarts, der nach einer von ihm überlieferten Aussage nichts anderes tat, als die Töne zu suchen, «die sich lieben». Die Sonate G-Dur schrieb Mozart 1774 für eigene Konzertauftritte, mit denen er an europäischen Höfen Furore machte und (vergeblich) hoffte, zum Hofkapellmeister ernannt zu werden.
Die französische Komponistin Mel Bonis fand nur wenig berufliche Anerkennung zu Lebzeiten (siehe hierzu die Ausführungen zum Klavierabend von Shio Okui), so dass es überfällig ist, ihre so differenzierte und bildmächtige Tonsprache am Beispiel ihrer Porträts mythologischer und literarischer Frauengestalten im Konzert zu erleben.
Auch in Debussys Klavierwerk, für Béla Bartók der Inbegriff einer Wiederentdeckung des Klangs an sich, spielen Bilder eine zentrale Rolle. So ist es kein Zufall, dass Debussy einem Zyklus den lapidaren Titel «Images» gab, mit dem er aber nicht vorrangig in Konkurrenz zu den Malern treten wollte, sondern auf die Macht der inneren Bilder und der Einbildungskraft als Grundlage jeder künstlerischen Handlung hinwies. Und das konnte auch den Dialog mit der Geschichte meinen, wie es die Hommage an Rameau, einen der Stammväter der französischen (Klavier-)Musik, signalisiert.
Einojunahi Rautavaara nahm seinerseits mit seinen dem finnisch-deutschen Pianisten Ralph Gothóni gewidmeten sechs Etüden op. 42 aus dem Jahr 1968 Bezug auf Debussys Douze Études (1915), die auch vier Etüden über die Intervalle der Terz, Quarte, Sext und Oktave enthalten. Rautavaara liess die beiden letzten Intervalle aus und ergänzte dafür die bei Debussy fehlenden Sekunde, Tritonus, Quinte und Septime. Es ging ihm dabei, wie er schrieb, um die Wiederbelebung eines «klangvollen, üppigen Klavierstils, der den gesamten Kompass der Tastatur nutzt, um dieses wundervolle Instrument in seinem ganzen Reichtum zu präsentieren». Und damit sind diese Stücke auch ein bedeutender Beitrag zur geschichtlichen und stilistischen Vielfalt der europäischen Klaviermusik.
Prof. Dr. Wolfgang Rathert
Arvo Pärt *1935
Sonatina op. 1 Nr. 2
Allegro energico – Largo – Allegro
Wolfgang Amadeus Mozart 1756–1791
Klaviersonate G-Dur KV 283
Allegro – Andante – Presto
Claude Debussy 1862–1918
Images Band 1 L. 110
Reflets dans l’eau. Andantino molto
Hommage à Rameau. Lent e grave
Mouvement. Animé
Mel Bonis 1858–1937
Mélisande op. 109
Desdémona op. 101
Ophélie op. 165 Nr. 1
Einojuhani Rautavaara 1928–2016
Sechs Etüden op. 42
Terssit (Terzen)
Septimit (Septimen)
Tritonukset (Tritoni)
Kvartit (Quarten)
Sekunnit (Sekunden)
Kvintit (Quinten)
Edvard Grieg 1843–1907
Ballade g-Moll op. 24